Die Sachsen-AfD, Preußen und der Föderalismus

6. September 2014

Normalerweise gehöre ich nicht zu denjenigen FDP-Anhängern, die glauben, sie müssten der AfD irgendeine besondere Beachtung schenken. Die AfD vertritt zwar zum Teil wirtschaftspolitische Positionen, die auch die FDP für richtig hält, aber was gesellschaftliche Positionen betrifft, liegen doch Welten zwischen den Rechtskonservativen und den Liberalen. Aber genau darum – weil ich gesellschaftspolitisch liberal denke (und weil ich Geschichte studiere) – ist mir gestern so der Hut hochgegangen, als Christian Ehring in der heute-show diesen Auszug aus dem sächsischen AfD-Wahlprogramm vorgelesen hat:

„Schul- und insbesondere Geschichtsunterricht soll nicht nur ein vertieftes Verständnis für das historische Gewordensein der eigenen Nationalidentität, sondern auch ein positives Identitätsgefühl vermitteln. Wir wollen einen deutlichen Schwerpunkt auf das 19. Jahrhundert und die Befreiungskriege gesetzt wissen. Die Grundlagen unseres Staates wurden in den Jahren 1813, 1848 und 1871 gelegt.“
- AfD-Wahlprogramm Sachsen, Forderung IV.3.1. Aufwertung und Umgewichtung des Geschichtsunterrichts

Warum ist das gesellschaftspolitisch fragwürdig?

Weil die AfD mit dieser Forderung letztlich dazu beitragen will, das nationalistische Geschichtsbild des Deutschen Kaiserreichs (1871-1918) fortzuschreiben. Danach sei das Heilige Römische Reich, das 1806 aufgelöst wurde, im Grunde schon nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs (Westfälischer Frieden 1648) dem Untergang geweiht gewesen. Erst durch den Aufstieg Brandenburg-Preußens im späten 17. und 18. Jahrhundert (Friedrich Wilhelm I., Friedrich II.) und die preußischen Reichseinheitsbestrebungen des 19. Jahrhunderts hätten die deutschen Lande wieder eine Zukunftsperspektive erhalten: den expansiven preußischen Militärstaat.

Dabei wird dieses preußisch geprägte Geschichtsverständnis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts von der deutschen Geschichtsforschung schon seit den 1950er und 1960er Jahren nicht mehr geteilt. Stattdessen wird betont, dass das Heilige Römische Reich keineswegs schon nach 1648 nicht mehr funktionierte. Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurden die Reichsinstitutionen zunehmend lahmgelegt – und zwar nicht zuletzt durch die Blockadepolitik Brandenburg-Preußens im Reichstag: Streitfragen wurden von Brandenburg-Preußen seit Regierungsantritt Friedrichs II. von Preußen (1740) zunehmend zu Religionsfragen erklärt. Seit dem Westfälischen Frieden wurden diese getrennt von einem katholischen Gremium (Corpus Catholicorum, mit den Habsburgern) und einem evangelischen Gremium (Corpus Evangelicorum, mit Brandenburg-Preußen) beraten. Ein Beschluss kam bei dieser sogenannten itio in partes nur zustande, wenn sich die beiden Corpora einigten – was selten geschah. Fazit: Der Reichstag war faktisch ausmanövriert.

Warum das Ganze? Weil die größten Stände des Heiligen Römischen Reichs – allen voran Brandenburg-Preußen, aber auch das Haus Habsburg – sich zunehmend aus dem Reichsverband lösen wollten. Im Gegensatz zu den kleineren Reichsständen waren sie auf den Schutz durch das Reich nicht angewiesen und trachteten immer mehr danach, ihre eigene Landesherrschaft auszubauen und selbst möglichst stark zu werden.

Und nun muss man sich einfach ganz grundlegend die Frage stellen, ob man wollen kann, dass Kinder in der Schule lernen, der militaristische preußische Staat sei sozusagen das Vorbild für das heutige Deutschland gewesen. Ich möchte das nicht; es erzieht im Grunde zum Nationalismus und ist für Nicht-„Preußen“ eigentlich auch wenig ansprechend. Das kann doch politisch von keiner demokratischen Partei gewollt sein!

Vielleicht könnte stattdessen das Heilige Römische Reich mit seiner quasi-föderalen Struktur (Reichsstände, Reichskreise als Verteidigungsstruktur, Reichstag für untereinander abgestimmte Politik) stärker in den Mittelpunkt rücken. Dann würde auch die heutige föderale Struktur mit Bund und Ländern nicht als etwas Defizitäres erscheinen, als das ihn das preußische Geschichtsbild letztlich darstellt. Stattdessen würde sich zeigen, dass der heutige deutsche Föderalismus etwas in Mittelalter und Früher Neuzeit historisch Gewachsenes ist, das sich über alle Krisen und Kriege hinweg doch als erstaunlich funktionsfähig und langlebig erwiesen hat. Und vielleicht wäre das auch ein Vorbild für die EU: Wie wär’s mit einem EU-Parlament, das eine EU-Regierung wählt, und einer Länderkammer mit den Regierungen der einzelnen Staaten? Mit klar geregelten Zuständigkeiten? (O.k., dass die AfD das vielleicht nicht unbedingt möchte, kann ich mir denken. :D Ich fänd’s dagegen gut. Jedenfalls viel besser, als wenn die EU-Kommission von den Staatschefs bestimmt wird und das EU-Parlament im Grunde nur noch „abnicken“ darf. Denn das sehe ich als Demokratiedefizit.)

Als Einstiegsliteratur zu dem, was ich gerade geschrieben habe, möchte ich Franz Brendle, Das konfessionelle Zeitalter, Berlin 2010 (hier v.a. S. 57), und Albert Funk, Föderalismus in Deutschland, Bonn 2010, nennen. (Obwohl Funk die religiöse Dimension z.B. des Dreißigjährigen Kriegs mitunter unterschätzt. Wie bei Brendle nachzulesen ist, war dieser nicht nur ein verfassungspolitischer, sondern eben auch ein religiöser Konflikt.)


Ein wenig Neues über „Ken“

25. August 2014

Falls sich jemand unter euch fragen sollte, ob ich eigentlich immer noch Geschichten schreibe und was denn aus meiner „Ken“-Geschichte (Arbeitstitel) geworden ist: In den letzten Wochen und Monaten habe ich wenig Fiktionales geschrieben, weil ich mit den nichtfiktionalen Texten, die ich für die Uni produziere, verhältnismäßig ausgelastet bin (und mit diversen anderen wichtigen Teilen meines real life, die in diesem Blog nicht das Thema sein sollen).

Mir ist allmählich klar geworden, dass es zu nichts führt, wenn ich nur drauflos schreibe: Für die „Ken“-Geschichte brauche ich einen Plot, es führt kein Weg daran vorbei. Da gibt es einfach zu viele Charaktere, die den ihnen zugedachten Platz ausfüllen sollen – und zwar so, dass sie sinnvoll zum Fortschreiten der Geschichte beitragen, statt „Nebenschauplätze“ zu schaffen, die mit dem eigentlichen Plot nicht viel zu tun haben. Einzelne Fortschritte gibt es dabei auch zu vermelden; so haben zwei Charaktere und ihre Leben, die bisher eher solche „Nebenschauplätze“ waren, mittlerweile ihren festen Platz in der Geschichte gefunden.

Was mir immer noch einiges an Kopfzerbrechen bereitet, ist die Auflösung der Agenten-/Krimi-Storyline. Dieses Problem ist immer noch eng mit dem Ursprung der Geschichte verknüpft: Als ich 12 Jahre alt war, war die Stadt „Diamantia“ (heute: Haal, so benannt nach dem dort betriebenen Salzbergbau) ja noch die Hauptstadt eines Königreichs mit Engeln und Dämonen, und der Endkampf der zwischen übernatürlichen Kräften. Das war in gewisser Weise einfacher, aber – wie ich zunehmend fand – auch langweiliger. Deshalb gab es drei grundlegende Änderungen in meiner fiktionalen Welt:

  • Königreich? Nein, danke – ein Parlament muss her.
    Gesagt, getan; die Königin kann aber gerne formelles Staatsoberhaupt bleiben. Ob ein Präsident repräsentiert oder eine Königin, ist ja eigentlich egal, solange keiner davon zu viel Macht hat. Keine Präsidialdemokratie; die Regierung muss sich aus den Mehrheitsverhältnissen im Parlament ergeben. (Typisch ich, kann nicht mal raus aus meiner politischen Haut, wenn ich fiktionale Texte schreibe.)
  • Engel und Dämonen? Zu schwarz-weiß; das Interessante sind doch die Graustufen zwischen „Gut“ und „Böse“. Also Menschen.
  • Magie/übernatürliche Elemente? Ich bin mir schon seit längerem sicher, dass Kens Welt keine Welt der Magier oder Hexer ist, möchte mich aber nur ungern von einzelnen leicht „übernatürlichen“ Elementen (die Augen seines Cousins Johannes!) trennen. Allerdings lassen die sich ja vielleicht auch einfach nur mit Genetik, Lichteinfall und einem gewissen Charisma erklären… Also keine Magie.

Das Hauptproblem, das ich nun noch habe, hängt mit folgender Entscheidungssituation zusammen:

  • Fiktionale Parallelwelt, Alternate Reality oder reale Welt?
    Das Pendel schlägt schon seit Längerem eher Richtung Alternate Reality aus: Ken ist Halb-Engländer, ein anderer Charakter ist Ire. Das Problem ist, dass ich in dem Augenblick, in dem ich Haal (eine Namensänderung ist möglich) verorten will, auch Karten zeichnen muss, die dem Land um die Stadt damit automatisch konkrete physische Gestalt geben müssten. Und da Haal sich in meiner Vorstellung nun mal in Mitteleuropa befindet – und die Grenzen in Mitteleuropa aufgrund jahrhundertelanger politischer und militärischer Auseinandersetzungen so geworden sind, wie sie heute sind –, muss man da ganz schön aufpassen, damit einem am Ende nicht Geschichtsklitterung oder Revisionismus vorgeworfen werden kann. (A history student is writing, after all.) Um das zu vermeiden, böte sich Haal z.B. als Hauptstadt eines wirtschaftsstarken Kleinfürstentums im Alpenraum an, bei dem einfach etwas fiktionale Landmasse hinzugefügt wird, um die Grenzen z.B. der Schweiz unberührt zu lassen. Diese Idee hatte aber schon Cassandra Clare mit ihrem Land Idris in „Die Chroniken der Unterwelt“ (The Mortal Instruments). Und ich zögere, einfach ein fiktionales Liechtenstein zu wählen, da ich über die Geschichte und Kultur Liechtensteins – nun ja – praktisch nichts weiß, mich also erst einarbeiten muss. (Zumindest wäre es eine konstitutionelle Monarchie…)

Kurzum, da gibt es noch einige grundlegende Probleme zu lösen…


Leaves’ Eyes: Top 10 der Fans

8. Juni 2014

Zum zehnjährigen Banjubiläum veranstalten Leaves’ Eyes am 18.10.2014 auf dem Metal Female Voices Festival in Wieze eine Jubiläumsshow, “Hymns of a Decade”. Dafür konnten die Fans der Band an einer Abstimmung über ihre Lieblingssongs teilnehmen. Nun hat die Band die Ergebnisse veröffentlicht:

1. Symphony of the Night
2. Hell to the Heavens
3. Elegy
4. Norwegian Lovesong
5. My Destiny
6. Into your Light
7. Farewell Proud Men
8. Meredead
9. Frøya’s Theme
10. To France

Dass mit “Symphonies of the Night” und “Hell to the Heavens” zwei Songs aus dem aktuellsten Album “Symphonies of the Night” ganz an die Spitze gekommen sind, finde ich bemerkenswert; schade allerdings, dass es das m.E. schönste Lied des Albums, “Ophelia”, nicht in die Top 10 geschafft hat. Elegy” als der Leaves’ Eyes-Hit schlechthin auf Platz 3 ist ja nun keine Überraschung; die gute Platzierung von “Norwegian Lovesong” vom ersten Album “Lovelorn” auf Platz 4 geschafft hat, überrascht mich dagegen schon einigermaßen (obwohl ich selbst auch dafür gestimmt habe) und freut mich sehr. :-) Es ist aber auch ein tolles Lied, mit einem schönen Refrain: “Behind the bluebells sits a girl with blond braids/ A blue-eyed angel with strawberry cheeks/ The spell has bound me, I was living a dream/ Norwegian homeland, my heart belongs to you…”

Was ich etwas schade finde, ist, dass hauptsächlich die “üblichen Verdächtigen” gewählt wurden, also Songs, die sich auch in der aktuellen Setlist der Band bei Liveauftritten befinden. Schön wären ein oder zwei unvermutete Ausreißer gewesen. ;-) Für mich ist etwas überraschend, dass “Take the Devil in Me” und “Emerald Island” nicht dabei sind, zwei meiner Favoriten vom Album “Njord”. Schade auch, dass nur die Alben berücksichtigt wurden und nicht auch die Singles; so ist mein Lieblingssong “Legend Land” schon deshalb nicht dabei, weil er nicht zur Auswahl stand.


Liebsten Award

26. März 2014

Yve hat mich für den Liebsten Award nominiert. Dann werde ich ihre Fragen mal beantworten! :)

Die Regeln:
Verlinke die Person, die Euch nominiert hat.
Beantworte die 11 Fragen, die die Person Euch gestellt hat.
Sucht Euch 11 Blogger, die unter 200 Follower haben und nominiert sie.
Überlegt Euch selbst 11 Fragen für Eure 11 Nominierten.

1. Was war der Grund, warum du deinen Blog/ deine Page gestartet hast?
Ursprünglich ging es mir darum, v.a. über meine “Ken-Geschichte” zu informieren. Die liegt leider schon seit ein paar Semestern angefangen herum, ohne dass vor meinem Examen Zeit in Sicht ist, um sie fertig zu schreiben – aber das Examen geht erst einmal vor. Jetzt geht es mir darum, über alle Themen zu schreiben, die mich in dem Moment, in dem ich einen Beitrag schreibe, sehr beschäftigen – allerdings über nichts zu Privates, denn meine Privatsphäre gehört mir.

2. Wie viele Jahre bist du jetzt schon dabei?
Die Homepage “Gedankenwald”, aus der der Blog “Himmelsnetz” hervorgegangen ist, besteht seit 2007, also seit sieben Jahren.

3. Was ist dein Lieblingsbuch?
Schwierige Frage … Ich möchte sie mal so beantworten: Die beiden Dramen, die mich in meinem Denken am meisten beeinflusst haben, sind sicherlich “Dantons Tod” von Georg Büchner und “Faust I” von Goethe.

4. Welches Buch hat dich einmal positiv überrascht?
Noch schwierigere Frage … Vielleicht auch wieder “Faust I”, weil ich nicht gedacht hätte, dass ich es so mögen würde. Außerdem Marlowes “Doctor Faustus”, das ich erst spät gelesen habe, weil ich befürchtete, dass ich es nicht mögen würde, weil Faustus am Ende doch verdammt wird. Völlig grundlos, denn es ist – wie immer bei Marlowe, dessen Werk ich mittlerweile ziemlich gut kenne – längst nicht so einfach. Ich glaube z.B. nicht, dass Marlowes Faustus wie im Faust-Volksbuch von 1587 von Anfang an zwangsläufig zur Hölle fahren muss, weil er den Teufelspakt unterzeichnet hat. Wenn er seine Sünde nicht für zu groß hielte, um sie bereuen zu können, würde er m.E. seinem Schicksal schon entrinnen können.

5. E-Book oder doch gedruckt?
Generell mag ich gedruckte Bücher lieber, aber mittlerweile lese ich auch E-Books.

6. Und warum?
Um mal einen völlig “unsentimentalen” Grund zu nennen: Die meisten E-Books geben nicht die Seitenzahlen der Druckausgabe wieder. (Dabei wäre das doch ganz einfach, man müsste nur am Anfang einer neuen Seite die Seitenzahl in eckigen Klammern schreiben…) Da ich aus meinen Büchern meistens zitiere – auch aus Unterhaltungsliteratur, z.B. hier auf diesem Blog -, haben E-Books aus meiner Sicht einen klaren Nachteil. Außerdem schreckt mich der Kopierschutz ab – gedruckte Bücher kann ich verleihen, wieso E-Books nicht? Mich stört auch, dass man nicht von einem Anbieter zum anderen wechseln kann, v.a. nicht vom Format für Amazon Kindle zu anderen E-Readern, sodass man, wenn man sich für den Kindle entscheidet, an Amazon gefesselt bleibt. Und Amazon ist, wenn man sich sowohl für englischsprachige als auch für deutschsprachige Literatur interessiert, nun mal derzeit der Anbieter mit der größten Auswahl. Hoffentlich fällt der Kopierschutz mal und es gibt ein einheitliches Format … bei digitalisierter Musik kam das ja auch irgendwann. Leider ist in den Kindle aktuell auch noch keine Technologie implementiert, mit der man PDFs zur besseren Lesbarkeit umbrechen kann, was ich für Arbeiten für die Uni mit gescannten wissenschaftlichen Aufsätzen vorteilhaft fände.

Andererseits ist es super, dass man sich bei Amazon viel ältere Literatur mit abgelaufenem Copyright kostenlos als E-Book herunterladen und sie dann auf dem Kindle oder einem Reader am Computer lesen kann. Momentan lese ich Tucholsky, den ich einfach großartig finde, wenn ich mich in Arbeitspausen vor dem Computer entspannen und mal lachen möchte.

7. Deine größte Angst?
Eine die Lebensqualität einschränkende Krankheit zu bekommen.

8. Wenn du einen Wunsch erfüllt bekommen würdest, egal welcher, was wäre es (mehr Wünsche zählen nicht ;-) )
Aus dem Referendariat unmittelbar in den bayerischen Schuldienst übernommen zu werden, und zwar auf einer Planstelle! (Die Einstellungschancen sind mit meiner Fächerkombination momentan auch mit gutem Examen so mies, dass letztens nicht mal mehr ein offizieller Schnitt angegeben werden musste…)

9. Was war dein Lieblingsfilm als Kind?
War? Ist! “Asterix erobert Rom”, wegen der göttlichen Szene mit dem Passierschein A 38 … oder doch 39?! ;-)

10. Wenn du mit deinem jetzigen Wissen dein Leben noch einmal neu starten könntest, würdest du es tun?
Ich würde vielleicht ein paar Fehler nicht wiederholen, aber nichts grundsätzlich anders machen. Es würde sich m.E. nicht lohnen, wegen dieser Fehler noch mal ganz von vorne anzufangen. Mein Leben passt schon so, wie es ist. Ergo: Nein.

11. Welches ist dein liebstes Betriebssystem? Windows, Mac, Linux?
Linux kann ich nicht beurteilen, weil ich es nie benutzt habe. Mit Windows habe ich mich in der Vergangenheit ständig herumgeärgert und muss mich auch bei PCs an der Uni noch ab und an mit Abstürzen und anderen Tücken herumärgern. Mit meinem Mac “flutscht” es dagegen. Also Mac.

Es folgen meine elf Fragen, die ich aber – wie schon beim letzten Mal, als mir Alex ein Blockstöckchen zugeworfen hat – nicht an bestimmte Personen weiterreichen werde, zumal ich auch keine 11 Blogs mit unter 200 Followern kenne. Wer sie beantworten möchte, kann seinen entsprechenden Post gerne in einem Kommentar zu diesem Eintrag verlinken.

  1. Magst du Tee? Wenn ja, welchen?
  2. Welche der drei Gattungen magst du am liebsten – Epik, Lyrik oder Dramatik?
  3. Welches Sach- oder Fachbuch hast du zuletzt gelesen?
  4. Welches fiktionale Buch hast du zuletzt gelesen?
  5. Welche Lieder oder Musikstücke verbindest du mit diesem Buch?
  6. Welchen schon verstorbenen Autor hättest du am liebsten mal getroffen?
  7. Was war für dich die ungewöhnlichste Stadt, die du je gesehen hast?
  8. Hältst du dich eher für eine “Nachtigall” (spät wach, spät ins Bett) oder eine “Lerche” (früh auf, früh ins Bett)?
  9. Hast du ein Haustier und wenn nein, hättest du gerne eines?
  10. Mit welcher (demokratischen!) politischen Partei kannst du am wenigsten anfangen?
  11. Wenn du nicht in dem Land leben würdest, in dem du lebst – in welchem Land würdest du leben wollen?

Der Medicus (Verfilmung)

4. Januar 2014

Kürzlich sah ich zusammen mit Freunden die Verfilmung des „Medicus“ von Noah Gordon im Kino. „Der Medicus“ läuft seit 25. Dezember 2013 und ist ein packendes Historienabenteuer, das mir sehr gefallen hat!

Der Medicus (Filmplakat)Zur Handlung: England, Anfang des 11. Jahrhunderts. Nach dem Tod seiner Mutter schließt sich der junge Rob Cole (Tom Payne) einem fahrenden Bader (Stellan Skarsgård) an, der ihn in sein Handwerk einführt, als er zunehmend das Augenlicht verliert. Schließlich überredet Rob den Bader, von jüdischen Heilern eine Starstich-Operation durchführen zu lassen, nach der er wieder sehen kann. Dabei erfährt er von Ibn Sina (latinisiert: Avicenna; Ben Kingsley), dem größten Medicus seiner Zeit. Daraufhin tritt Rob als Jude verkleidet die beschwerliche und lange Reise nach Isfahan an, um Ibn Sinas Schüler zu werden…

Es war wohl ganz gut, dass ich das Buch nicht vorher gelesen hatte, denn im Vergleich zur Romanvorlage The Physician (1986) wurden anscheinend zahlreiche Änderungen vorgenommen. So stirbt Rob Coles Mutter im Film an einer Blinddarmentzündung, während sie im Roman an Kindbettfieber stirbt, und Rob verliebt sich in die Jüdin Rebecca statt in die Christin Mary, die im Film gar nicht vorkommt. Doch die geänderte Storyline „funktioniert“; es ist ein unterhaltsamer und spannender Abenteuerfilm entstanden. Überragender Darsteller war Ben Kingsley als weiser Lehrer Ibn Sina.

Mit dem Thema Religion geht der Film recht ausgewogen um: Negativ dargestellt werden wissenschaftsfeindliche „Hardliner“ aller drei Religionen, die ihre religiösen Vorbehalte über die Menschlichkeit stellen: der christliche Priester, für den eine Behandlung von Robs sterbender Mutter „Zauberei“ und „ketzerisch“ wäre; der muslimische Mullah, der Rob und den eigentlich unbeteiligten Ibn Sina wegen der Sektion eines Parsen hinrichten lassen will; der jüdische Rabbi, der Robs große Liebe Rebecca (Emma Rigby) wegen Ehebruchs steinigen lassen will. Sie werden besonders im Fall der Juden und Muslime klar von den „normalen“ Gläubigen abgegrenzt.
Bewusst wählt Rob auch einen Parsen, um ihn zu sezieren und so eine Heilungsmöglichkeit für die „Seitenkrankheit“ (Blinddarmentzündung) zu finden, die schon seine Mutter dahingerafft hat: Der Parse glaubt im Gegensatz zu den anderen Religionsvertretern nicht, dass es irgendeine Bedeutung hat, was nach seinem Tod mit seiner sterblichen Hülle geschieht. Rob respektiert hier also die religiösen Vorstellungen eines Andersgläubigen. Er zeigt gewissermaßen religiöse Toleranz, bevor die von der Aufklärung geprägte ethische Toleranzvorstellung existierte (was den Machern des Films höchstwahrscheinlich nicht bewusst war, Robs Handeln aber nicht unplausibel macht).

Aus dramaturgischen Gründen greift der Film in die historischen Abläufe ein. So stirbt Ibn Sina z.B. nicht, wie historisch belegt, im Jahr 1037 mit Ende 50 an einer Magen-Darm-Erkrankung, sondern erlebt im Film mit Anfang 70 die Eroberung Isfahans durch die Seldschuken im Jahr 1051. Das kann man der Verfilmung aber kaum vorwerfen: Nach Aussage seines Autors Noah Gordon sollte schon der Roman keine Darstellung der historischen Realität sein, sondern ist eher als mittelalterliche Fantasy-Welt gedacht; dazu passt auch Robs Gabe, den nahenden Tod eines Menschen „spüren“ zu können. Und als Mittelalter-Fantasy mit historischer Grundierung funktioniert der Film ausgezeichnet!

Zum Abschluss muss trotzdem noch ein bisschen „nitpicking“ sein. Ich beschränke mich mal auf drei Stellen:

  • Nach seiner Starstich-Operation sagt der Bader vor Glück weinend, er könne nun wieder sehen „wie als kleiner Junge“. Bei Starstich-Operationen wurde aber bis in die Frühe Neuzeit die getrübte Linse als Ganzes entfernt, woraus starke Weitsichtigkeit (ca. +11 Dioptrien) resultierte. Gut sehen konnte man danach also nicht, aber immerhin konnte man überhaupt wieder etwas sehen.
    Wie realistisch es ist, dass jemand die im Film gezeigte Blinddarm-Operation überlebt, kann ich als Nicht-Medizinerin dagegen nicht beurteilen. Eigentlich gibt es die Behandlungsmethode, bei der der entzündete Wurmfortsatz abgetrennt wird, ja erst seit Ende des 19. Jahrhunderts; sie entstand also unter völlig anderen technischen und hygienischen Voraussetzungen.
  • Spätestens in dem Augenblick, als Rob das jüdische Tischgebet nicht sprechen konnte, wäre er als Nichtjude enttarnt gewesen. „So betet ihr also in England?“, hätte da sicher niemand gefragt. Das Tischgebet ist überall gleich. Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht vor, sondern erst nach dem Essen gesprochen wird…
  • Als Ibn Sina mit Rob eingekerkert ist, wirft er Rob vor, aus Erkenntnisdrang einen Leichnam geöffnet zu haben, statt nach einem langen eigenen Leben zu streben, um möglichst lange Menschen helfen zu können. Vom „echten“ Ibn Sina ist ein Ausspruch überliefert, wonach er ein kurzes, erfülltes Leben einem langen, ereignislosen vorzog.

Aber, wie schon gesagt: Ein toller, spannender Abenteuerfilm! Sehenswert. Macht Lust, auch den Roman zu lesen.


Büchners „Dantons Tod“ in den Münchner Kammerspielen – Teil 2

1. Januar 2014

Das „Büchnerjahr“ 2013 durfte nicht zu Ende gehen, ohne von mir bei einem Theaterbesuch zelebriert zu werden. Georg Büchners (1813-1837) „Dantons Tod“ (1835) habe ich am 29. Dezember 2013 in einer Bearbeitung von Matthias Günther und Tobias Staab in den Münchner Kammerspielen gesehen. Nachdem ich meine eigene Interpretation des Dramas vorausgeschickt habe (Teil 1), möchte ich nun meine Eindrücke von der Inszenierung wiedergeben (Teil 2).

Die beiden Dramaturgen Günther und Staab haben dem ohnehin schon mehrschichtigen Dramentext, in den Büchner Quellen aus der Zeit der Französischen Revolution einmontiert hat, noch weitere Textlagen hinzugefügt. So weist schon der eingangs von einem der Präsidenten des Revolutionstribunals, Herman (Hans Kremer), gesprochene Text darauf hin, in welchem Sinne man das Stück interpretiert wissen möchte: als Drama über die conditio humana, über die Bedingungen des Menschseins und die „Natur“ bzw. das „Wesen“ des Menschen. Diese Perspektive zieht sich durch praktisch alle hinzumontierten Textpassagen und findet ihren Kulminations- und Schlusspunkt darin, dass Robespierre (Wolfgang Pregler) als seine „Letzte[n] Worte“ auf der Bühne den Schluss des Romans „Elementarteilchen“ (Les particules élémentaires, 1998) des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq zitiert, das mit dem pathetischen Satz endet: „Dieses Buch ist dem Menschen gewidmet“ (S. 357). Ein Satz, den man angesichts der Handlung sowohl des Dramas als auch des Romans (der, kurz gesagt, die Selbstabschaffung des Menschen durch die Gentechnik zum Thema hat) wohl nur ironisch verstehen kann. Allerdings als doppelte Ironie, die sich selbst auflöst: Michel Houellebecqs doppelbödige Erzählweise entlarvt durch innere Widersprüche die menschenverachtende Ideologie seines personalen Erzählers Michel, der das Glück der Menschheit im Ende seiner natürlichen Reproduktion sieht, und liefert damit letztlich doch ein echtes Plädoyer für den (nicht gentechnisch veränderten) Menschen. Ebenso selbstentlarvend menschenverachtend ist für die Dramaturgen das Gerede Robespierres (z.B. „Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei“, I,3)  und St. Justs (v.a. seine Rechtfertigung des terreur in II,7: „Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach Jahrhunderten zählen; hinter jedem erheben sich die Gräber von Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege starben. Ist es denn nicht einfach, daß zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen?“). Auch ex negativo und mittels einer intertextuellen Analogie lässt sich Büchners Drama also als Plädoyer für Menschlichkeit deuten. Bestätigt wird diese Interpretation durch den ausdrücklichen Überdruss der gemäßigten Jakobiner am Töten, etwa durch Héraults Reden gegenüber seinen Freunden („Die Revolution muß aufhören, und die Republik muß anfangen“, etc., I,1 – bei den Münchner Kammerspielen, wenn ich mich recht erinnere, Lacroix zugewiesen, da Hérault gestrichen wurde). Ob dieses Additum wirklich nötig gewesen wäre? Ob es außerdem nötig gewesen wäre, dass sich Robespierre nackt auszieht, während er spricht – der Mensch in seiner physischen Verletzlichkeit – und den Theaterbesucher so noch mit der Nase auf diese Deutung stößt?

Die Nacktheit des kleinbürgerlichen Tyrannen auf der Bühne erinnerte mich an Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941) in der aktuellen Inszenierung des Berliner Ensembles, in der sich Arturo Ui a.k.a. Adolf Hitler auch einmal nackt auf der Bühne befindet. Ebenso intonierte Pregler Robespierres Monolog nach der Konfrontation mit Danton (Pierre Bokma) in I,6 im Stil einer grotesk-komischen Hitlerrede bzw. einer Rede Arturo Uis – ein weiterer intertextueller Bezug. Überhaupt scheint sich die Inszenierung stark an Brechts epischem Theater zu orientieren, als dessen Vorläufer vor allem Büchners „Woyzeck“ gilt: Die fiktionale Realität auf der Bühne wird schon von Anfang an durchbrochen. Kein Vorhang wird betätigt, nie erfolgt ein Szenenwechsel durch Veränderung des Bühnenbilds, es gibt kaum Auf- und Abtritte. Die Dantonisten sprechen oft in Anwesenheit der Robespierristen und umgekehrt. Das Bühnenbild selbst ist stilvoll: eine mit Kerzen geschmückte lange Tafel, an deren Ende ein Streicher-Ensemble sitzt, das während der gesamten Aufführung für Live-Musik sorgt (komponiert von Carl Oesterhelt).  Abwechslung erzeugen die Leinwände an der hinteren Bühnenwand, auf die zum einen szenenweise Schwarzweißbilder einer Kamera projiziert werden, die auf einem sich drehenden Tisch in der Mitte der Tafel liegt. Zum anderen werden so Stimmungen oder Vorstellungswelten der Charaktere ausgedrückt, z.B. Sommer oder Winter oder auch Dantons Frau Julie (Anna Drexler), die sich angesichts der Verhaftung und bevorstehenden Exekution Dantons auf eine blühende Sommerwiese fortträumt. Verfremdungseffekte entstehen auch, wenn einzelne Passagen erst im französischen Original und dann auf Deutsch gesprochen werden oder wenn der Bürger Simon (Benny Claessens) zuweilen statt gesprochener Passagen linksradikale Lieder singt („Totgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat!“, I,2). Herman erhält eine Doppelfunktion als Revolutionsrichter und fast schon allwissender Erzähler, der historische Erläuterungen zur Revolution und den Septembermorden liefert und in der eigentlich monologischen Flucht-Szene (II,4) als Freud-Verschnitt einen fast schon psychoanalytischen Dialog mit Danton führt, der keine Lust zu fliehen hat. St. Just wird von einer Schauspielerin gespielt (Annette Paulmann) – so weit, so gut, wird doch auch der „echte“ Saint-Just von Zeitgenossen als attraktiver, androgyn wirkender junger Mann beschrieben. Allerdings kann man Annette Paulmann in Kleid und Highheels nun wirklich nicht als androgyn bezeichnen; im Gegenteil erscheint sie so als Verkörperung der Marianne, wie in Delacroix’ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (La Liberté guidant le peuple, 1830). Grotesk  wird es allerdings, wenn St Justs große Hetzrede (II,7) zum Gespräch mit Lucile (Marie Jung) wird, die ihm gegenübersitzt, und bruchlos in Olympe de Gouges’ „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, 1791) übergleitet und vor allem aus der Vorrede, aber auch aus den Artikeln zitiert: „Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die [Redner-]Tribüne zu besteigen“ (Art. 10). Von derlei politischen und nach Auffassung vieler Zeitgenossen „unweiblichen“ Vorstellungen hielt auch Saint-Just nichts – ganz zu schweigen davon, dass Olympe de Gouges den gemäßigten Girondisten nahestand. Schade fand ich, dass die „volksverhetzende“ Dimension der Rede dadurch abgemildert wurde (falls die Intention gewesen sein sollte, auf die Radikalität auch der Forderungen der Olympe de Gouges in ihrer Zeit hinzuweisen, kam das bei mir jedenfalls nicht an). Auch Dantons Nihilismus und sein Wunsch, durch Selbstauslöschung Ruhe zu finden, wirkten in dieser Inszenierung merklich gedämpft. Dies lag zum einen wohl daran, dass die Figur des Philippeau als gläubiger Gegenpol zum Atheisten Danton gestrichen worden war und passte zum anderen wohl nicht recht in die Interpretation Günthers und Staabs, die das Drama durch hinzugefügte Texte bis zu einem Bericht von der Ermordung Robespierres weiterführten, statt es mit der Hinrichtung der gemäßigten Jakobiner und Luciles selbstmörderischem „Es lebe der König! (IV,9)“ enden zu lassen. (Übrigens glaube ich entgegen Camilles Deutung in IV,5 nicht, dass es wirklich der Wahnsinn ist, der aus Lucile spricht, sondern eher der tragische Wunsch, ohne ihren Liebsten Camille nicht leben zu können und zu wollen. Im Gegensatz zu Dantons Frau Julie, die eigentlich Louise hieß und eine Freundin seiner im Kindbett gestorbenen ersten Frau Antoinette war, folgte sie ihrem Mann ja wirklich in den Tod, und das auf ähnliche Weise wie im Drama dargestellt.)

Auch wenn mich die conditio humana-Deutung von „Dantons Tod“ nicht ganz überzeugt – es ist schließlich kein auf Allgemeingültigkeit angelegtes Ideendrama, sondern eine Studie der Französischen Revolution und ihrer Protagonisten einerseits und eine Darstellung persönlicher philosophischer Ansichten Büchners andererseits –, halte ich sie doch insgesamt für plausibel. Wirklich schief fand ich nur zwei Szenen: die schon erwähnte Rede von St. Just-Olympe und Dantons Verteidigungsrede vor dem Revolutionstribunal (III,9), die Pierre Bokma doch tatsächlich weinerlich vortrug. Jemand, der sich die eigene Selbstauslöschung wünscht (auch wenn er sie für letztlich nicht erreichbar hält), hält eine solche Rede doch nicht schluchzend! „[D]as Leben ist mir zur Last, man mag mir es entreißen, ich sehne mich danach, es abzuschütteln“, sagt er in seiner ersten Anhörung (III,4)! Abgesehen davon hat mich Bokma als Danton aber wirklich überzeugt; die vielbeschriebene Vitalität des Revolutionärs brachte er gut zum Ausdruck. (Die innere Erstarrung – Stichwort Nihilismus – im Gegensatz zur äußeren Lebhaftigkeit nicht ganz so gut, aber das lag eindeutig an der Inszenierung; seine Interpretation von III,9 mit Sicherheit auch.) Die Theaterbesucher schienen vor allem die Bühnenkonstruktion und die hinzugefügten Szenen zu irritieren; schlussendlich bekamen Pierre Bokma als Danton und Wolfgang Pregler als Robespierre zwar – verdient! – den meisten Applaus, die Musiker insgesamt aber mehr Beifall als die Schauspieler.

Insgesamt ist die Inszenierung sehens- und durchdenkenswert. Wer kann und möchte, kann sie noch am 5. Januar 2014 um 19 Uhr oder 10. Februar 2014 um 19.30 Uhr in den Münchner Kammerspielen sehen; weitere Termine sind bislang nicht angegeben.


Büchners „Dantons Tod“ in den Münchner Kammerspielen – Teil 1

1. Januar 2014

Das „Büchnerjahr“ 2013 mit dem 200. Geburtstag des Dichters durfte nicht zu Ende gehen, ohne von mir bei einem Theaterbesuch zelebriert zu werden. Georg Büchners (1813-1837) „Dantons Tod“ (1835) habe ich am 29. Dezember 2013 in einer Bearbeitung von Matthias Günther und Tobias Staab in den Münchner Kammerspielen gesehen. Bevor ich meine Eindrücke von der Inszenierung wiedergebe (Teil 2), möchte ich meine eigene Interpretation des Dramas vorausschicken (Teil 1), das neben Goethes „Faust I“ mein Lieblingsdrama ist. Zitiert wird nach der Szenenaufteilung von „Dantons Tod“ bei „Projekt Gutenberg“.

Wesentlich ist aus meiner Sicht die Darstellung Dantons als eines Menschen, der an den Unmenschlichkeiten der Revolution verzweifelt, die für das Volk keine Besserung seiner Lage mit sich gebracht haben. Er kann nicht mehr an die Willensfreiheit und die Wirksamkeit menschlichen Handelns glauben; stattdessen betrachtet er den Gang der Geschichte als unberechenbar (Fatalismus): „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“ (II, 5). Handeln erscheint ihm vom Einzelnen nicht steuerbar; er stürzt in Lethargie und Langeweile, die er durch „Genuss“ nach dem Motto „Wein, Weib und Gesang“ betäubt – was nicht zuletzt zu seiner Gefangennahme und Hinrichtung beiträgt. Bezeichnend der Wortwechsel zwischen Lacroix und Danton in der ersten Szene (I,1), der als epische Vorausdeutung das Ende schon vorwegnimmt: „Wir müssen handeln.“ – „Das wird sich finden.“ – „Es wird sich finden, wenn wir verloren sind.“
Dantons fatalistisches Geschichtsverständnis führt allerdings nicht dazu, dass er die Verantwortung Einzelner für bestimmte Ereignisse ganz negiert. Im Gegenteil fühlt er sich persönlich an den „Septembermorden“ von 1792 schuldig, die er als damaliger Justizminister mit befördert hat. Diese Schuld quält ihn ebenso wie das Bewusstsein, dass die Revolution nichts für die einfache Bevölkerung erreichen konnte.

Robespierre, der ihm wegen seiner Genusssucht sittliche Verfehlungen vorwirft, hält Danton den sprichwörtlichen Spiegel vor und entlarvt dessen Tugendhaftigkeit als Selbstgerechtigkeit: „Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen, bloß um des elenden Vergnügens willen, andre schlechter zu finden als mich. – Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte: du lügst, du lügst!?“ (I,6) Tatsächlich stürzt er den „Unbestechlichen“ damit in Selbstzweifel, doch aus dieser Handlungslosigkeit entreißt ihn sein Scharfmacher St. Just sogleich wieder, um den Tod der Dantonisten zu beschließen.

Danton ist seines Lebens überdrüssig; er sehnt sich nach Selbstauslöschung und damit auch der Auslöschung seiner Seelenqual, möchte endlich Ruhe im Nichts finden. Doch auch der Nihilismus bietet ihm letztlich keine Zuflucht: „Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer!“ (III,7). Sogar die Selbstauslöschung erscheint also als Ding der Unmöglichkeit. Danton will nicht mehr leben, doch auch im Tod ist für ihn keine Hoffnung auf Erlösung – religiöse ohnehin nicht, aber eben auch keine philosophische.
Oder vielleicht doch? Dantons letzte Worte, bevor er von der Conciergerie auf den Revolutionsplatz zur Hinrichtung geführt werden, lauten: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ (IV,5) Die vage Hoffnung, dass das ersehnte Nichts irgendwann entstehen könnte (wie die Welt nach Hesiods Theogonie (Θεογονία), auf die Büchner hier wohl anspielt, oder Gen 1,1 irgendwann aus dem Chaos entstanden ist, möchte man hinzufügen), hat er also nicht ganz aufgegeben. Aber nach Hesiods „Werke und Tage“ (Ἔργα καὶ Ἡμέραι) blieb ja auch in der Büchse der Pandora am Ende nur die trügerische(!) Hoffnung zurück…
Dantons Philosophie ist kein geschlossenes System; sie wandelt sich im Verlauf des Stücks.

Dass sich Danton am Ende vor dem Revolutionstribunal doch gegen seine Ankläger verteidigt (III,9 und 10), ist wohl mehr dem Wunsch geschuldet, es den radikalen Jakobinern um Robespierre nicht gar zu leicht zu machen und die eigene Haut nicht gar so billig zu verkaufen, als ein ernsthafter Versuch, sie zu retten. Es gelingt ohnehin nicht; die Volksmasse ist zu wankelmütig und unberechenbar, als dass sie sich von Dantons Argumenten dauerhaft gewinnen ließe. Aber ist auch hier nicht eine leise Hoffnung? Die Hoffnung nämlich, dass der Tod der gemäßigten Jakobiner um Danton bereits den Sturz Robespierres vorwegnimmt – und damit letztlich doch das Ende des Terreur und seines sinnlosen Mordens bringt. „Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt“ (IV,7) – so spricht allerdings nicht Danton, sondern Lacroix, der ja weiter an der Bedeutsamkeit menschlichen Handelns festhält. Gut möglich, dass Danton seine flammende Verteidigungsrede nur aus Verbundenheit mit seinen Freunden hält, die mit ihm todgeweiht sind, weil er nicht handelte, als vielleicht noch Zeit gewesen wäre. Lacroix’ Worte sind und bleiben aber eine Vorausdeutung – keine intrafiktionale, sondern eine auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Sie lassen zumindest diese Überlegung zu: Wenn Dantons philosophische Reflexionen über das Nichts und die Geschichte Büchners persönliche Überzeugungen wiedergeben (was man wohl annehmen darf, da Büchner entsprechende Überlegungen in Briefen äußert), dann ist Dantons/Büchners Geschichtsfatalismus vielleicht ebenso brüchig wie Dantons/Büchners Nihilismus. Ein geradezu postmodernes Denken, dieses Vielleicht-doch, das das Vorhandensein absolut gesetzter Überzeugungen/Ideologien negiert, ohne letztlich eine Lösung anbieten zu können. Ja, auch Büchners eigenes Handeln als Revolutionär in der Vormärzzeit, insbesondere seine Flugschrift „Der Hessische Landbote“ (1834), blieb letztlich ohne die erhoffte Wirkung. Aber … vielleicht doch?

Kurzum: Für mich sind zum einen die philosophische Dimension des Dramas (Geschichtsfatalismus und Nihilismus wie auch das Ungenügen an ihnen) und zum anderen die (entsprechend der Quellen, die Büchner zur Verfügung standen) möglichst realistische Darstellung der Revolutionszeit die beiden wesentlichen Interpretationszugänge zum Drama. Zu letzterem Punkt, auf den ich hier nur oberflächlich eingegangen bin, zählen sowohl die Darstellung der prekären Situation des Volkes und der Eigendynamik von Volksmassen als auch die zahlreichen wörtlich eingewobenen Quellenpassagen insbesondere in Bezug auf politische Äußerungen. Die wörtlichen Zitate sind, ebenso wie die vielen klassizistischen Anspielungen der Revolutionäre auf die Antike, für die intertextuelle Mehrschichtigkeit des Dramas wichtig; ich will aber nicht verhehlen, dass mich die philosophische Seite mehr interessiert, ich ihr deshalb auch mehr Raum gegeben habe.


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