Liebsten Award

26. März 2014

Yve hat mich für den Liebsten Award nominiert. Dann werde ich ihre Fragen mal beantworten! :)

Die Regeln:
Verlinke die Person, die Euch nominiert hat.
Beantworte die 11 Fragen, die die Person Euch gestellt hat.
Sucht Euch 11 Blogger, die unter 200 Follower haben und nominiert sie.
Überlegt Euch selbst 11 Fragen für Eure 11 Nominierten.

1. Was war der Grund, warum du deinen Blog/ deine Page gestartet hast?
Ursprünglich ging es mir darum, v.a. über meine “Ken-Geschichte” zu informieren. Die liegt leider schon seit ein paar Semestern angefangen herum, ohne dass vor meinem Examen Zeit in Sicht ist, um sie fertig zu schreiben – aber das Examen geht erst einmal vor. Jetzt geht es mir darum, über alle Themen zu schreiben, die mich in dem Moment, in dem ich einen Beitrag schreibe, sehr beschäftigen – allerdings über nichts zu Privates, denn meine Privatsphäre gehört mir.

2. Wie viele Jahre bist du jetzt schon dabei?
Die Homepage “Gedankenwald”, aus der der Blog “Himmelsnetz” hervorgegangen ist, besteht seit 2007, also seit sieben Jahren.

3. Was ist dein Lieblingsbuch?
Schwierige Frage … Ich möchte sie mal so beantworten: Die beiden Dramen, die mich in meinem Denken am meisten beeinflusst haben, sind sicherlich “Dantons Tod” von Georg Büchner und “Faust I” von Goethe.

4. Welches Buch hat dich einmal positiv überrascht?
Noch schwierigere Frage … Vielleicht auch wieder “Faust I”, weil ich nicht gedacht hätte, dass ich es so mögen würde. Außerdem Marlowes “Doctor Faustus”, das ich erst spät gelesen habe, weil ich befürchtete, dass ich es nicht mögen würde, weil Faustus am Ende doch verdammt wird. Völlig grundlos, denn es ist – wie immer bei Marlowe, dessen Werk ich mittlerweile ziemlich gut kenne – längst nicht so einfach. Ich glaube z.B. nicht, dass Marlowes Faustus wie im Faust-Volksbuch von 1587 von Anfang an zwangsläufig zur Hölle fahren muss, weil er den Teufelspakt unterzeichnet hat. Wenn er seine Sünde nicht für zu groß hielte, um sie bereuen zu können, würde er m.E. seinem Schicksal schon entrinnen können.

5. E-Book oder doch gedruckt?
Generell mag ich gedruckte Bücher lieber, aber mittlerweile lese ich auch E-Books.

6. Und warum?
Um mal einen völlig “unsentimentalen” Grund zu nennen: Die meisten E-Books geben nicht die Seitenzahlen der Druckausgabe wieder. (Dabei wäre das doch ganz einfach, man müsste nur am Anfang einer neuen Seite die Seitenzahl in eckigen Klammern schreiben…) Da ich aus meinen Büchern meistens zitiere – auch aus Unterhaltungsliteratur, z.B. hier auf diesem Blog -, haben E-Books aus meiner Sicht einen klaren Nachteil. Außerdem schreckt mich der Kopierschutz ab – gedruckte Bücher kann ich verleihen, wieso E-Books nicht? Mich stört auch, dass man nicht von einem Anbieter zum anderen wechseln kann, v.a. nicht vom Format für Amazon Kindle zu anderen E-Readern, sodass man, wenn man sich für den Kindle entscheidet, an Amazon gefesselt bleibt. Und Amazon ist, wenn man sich sowohl für englischsprachige als auch für deutschsprachige Literatur interessiert, nun mal derzeit der Anbieter mit der größten Auswahl. Hoffentlich fällt der Kopierschutz mal und es gibt ein einheitliches Format … bei digitalisierter Musik kam das ja auch irgendwann. Leider ist in den Kindle aktuell auch noch keine Technologie implementiert, mit der man PDFs zur besseren Lesbarkeit umbrechen kann, was ich für Arbeiten für die Uni mit gescannten wissenschaftlichen Aufsätzen vorteilhaft fände.

Andererseits ist es super, dass man sich bei Amazon viel ältere Literatur mit abgelaufenem Copyright kostenlos als E-Book herunterladen und sie dann auf dem Kindle oder einem Reader am Computer lesen kann. Momentan lese ich Tucholsky, den ich einfach großartig finde, wenn ich mich in Arbeitspausen vor dem Computer entspannen und mal lachen möchte.

7. Deine größte Angst?
Eine die Lebensqualität einschränkende Krankheit zu bekommen.

8. Wenn du einen Wunsch erfüllt bekommen würdest, egal welcher, was wäre es (mehr Wünsche zählen nicht ;-) )
Aus dem Referendariat unmittelbar in den bayerischen Schuldienst übernommen zu werden, und zwar auf einer Planstelle! (Die Einstellungschancen sind mit meiner Fächerkombination momentan auch mit gutem Examen so mies, dass letztens nicht mal mehr ein offizieller Schnitt angegeben werden musste…)

9. Was war dein Lieblingsfilm als Kind?
War? Ist! “Asterix erobert Rom”, wegen der göttlichen Szene mit dem Passierschein A 38 … oder doch 39?! ;-)

10. Wenn du mit deinem jetzigen Wissen dein Leben noch einmal neu starten könntest, würdest du es tun?
Ich würde vielleicht ein paar Fehler nicht wiederholen, aber nichts grundsätzlich anders machen. Es würde sich m.E. nicht lohnen, wegen dieser Fehler noch mal ganz von vorne anzufangen. Mein Leben passt schon so, wie es ist. Ergo: Nein.

11. Welches ist dein liebstes Betriebssystem? Windows, Mac, Linux?
Linux kann ich nicht beurteilen, weil ich es nie benutzt habe. Mit Windows habe ich mich in der Vergangenheit ständig herumgeärgert und muss mich auch bei PCs an der Uni noch ab und an mit Abstürzen und anderen Tücken herumärgern. Mit meinem Mac “flutscht” es dagegen. Also Mac.

Es folgen meine elf Fragen, die ich aber – wie schon beim letzten Mal, als mir Alex ein Blockstöckchen zugeworfen hat – nicht an bestimmte Personen weiterreichen werde, zumal ich auch keine 11 Blogs mit unter 200 Followern kenne. Wer sie beantworten möchte, kann seinen entsprechenden Post gerne in einem Kommentar zu diesem Eintrag verlinken.

  1. Magst du Tee? Wenn ja, welchen?
  2. Welche der drei Gattungen magst du am liebsten – Epik, Lyrik oder Dramatik?
  3. Welches Sach- oder Fachbuch hast du zuletzt gelesen?
  4. Welches fiktionale Buch hast du zuletzt gelesen?
  5. Welche Lieder oder Musikstücke verbindest du mit diesem Buch?
  6. Welchen schon verstorbenen Autor hättest du am liebsten mal getroffen?
  7. Was war für dich die ungewöhnlichste Stadt, die du je gesehen hast?
  8. Hältst du dich eher für eine “Nachtigall” (spät wach, spät ins Bett) oder eine “Lerche” (früh auf, früh ins Bett)?
  9. Hast du ein Haustier und wenn nein, hättest du gerne eines?
  10. Mit welcher (demokratischen!) politischen Partei kannst du am wenigsten anfangen?
  11. Wenn du nicht in dem Land leben würdest, in dem du lebst – in welchem Land würdest du leben wollen?

Der Medicus (Verfilmung)

4. Januar 2014

Kürzlich sah ich zusammen mit Freunden die Verfilmung des „Medicus“ von Noah Gordon im Kino. „Der Medicus“ läuft seit 25. Dezember 2013 und ist ein packendes Historienabenteuer, das mir sehr gefallen hat!

Der Medicus (Filmplakat)Zur Handlung: England, Anfang des 11. Jahrhunderts. Nach dem Tod seiner Mutter schließt sich der junge Rob Cole (Tom Payne) einem fahrenden Bader (Stellan Skarsgård) an, der ihn in sein Handwerk einführt, als er zunehmend das Augenlicht verliert. Schließlich überredet Rob den Bader, von jüdischen Heilern eine Starstich-Operation durchführen zu lassen, nach der er wieder sehen kann. Dabei erfährt er von Ibn Sina (latinisiert: Avicenna; Ben Kingsley), dem größten Medicus seiner Zeit. Daraufhin tritt Rob als Jude verkleidet die beschwerliche und lange Reise nach Isfahan an, um Ibn Sinas Schüler zu werden…

Es war wohl ganz gut, dass ich das Buch nicht vorher gelesen hatte, denn im Vergleich zur Romanvorlage The Physician (1986) wurden anscheinend zahlreiche Änderungen vorgenommen. So stirbt Rob Coles Mutter im Film an einer Blinddarmentzündung, während sie im Roman an Kindbettfieber stirbt, und Rob verliebt sich in die Jüdin Rebecca statt in die Christin Mary, die im Film gar nicht vorkommt. Doch die geänderte Storyline „funktioniert“; es ist ein unterhaltsamer und spannender Abenteuerfilm entstanden. Überragender Darsteller war Ben Kingsley als weiser Lehrer Ibn Sina.

Mit dem Thema Religion geht der Film recht ausgewogen um: Negativ dargestellt werden wissenschaftsfeindliche „Hardliner“ aller drei Religionen, die ihre religiösen Vorbehalte über die Menschlichkeit stellen: der christliche Priester, für den eine Behandlung von Robs sterbender Mutter „Zauberei“ und „ketzerisch“ wäre; der muslimische Mullah, der Rob und den eigentlich unbeteiligten Ibn Sina wegen der Sektion eines Parsen hinrichten lassen will; der jüdische Rabbi, der Robs große Liebe Rebecca (Emma Rigby) wegen Ehebruchs steinigen lassen will. Sie werden besonders im Fall der Juden und Muslime klar von den „normalen“ Gläubigen abgegrenzt.
Bewusst wählt Rob auch einen Parsen, um ihn zu sezieren und so eine Heilungsmöglichkeit für die „Seitenkrankheit“ (Blinddarmentzündung) zu finden, die schon seine Mutter dahingerafft hat: Der Parse glaubt im Gegensatz zu den anderen Religionsvertretern nicht, dass es irgendeine Bedeutung hat, was nach seinem Tod mit seiner sterblichen Hülle geschieht. Rob respektiert hier also die religiösen Vorstellungen eines Andersgläubigen. Er zeigt gewissermaßen religiöse Toleranz, bevor die von der Aufklärung geprägte ethische Toleranzvorstellung existierte (was den Machern des Films höchstwahrscheinlich nicht bewusst war, Robs Handeln aber nicht unplausibel macht).

Aus dramaturgischen Gründen greift der Film in die historischen Abläufe ein. So stirbt Ibn Sina z.B. nicht, wie historisch belegt, im Jahr 1037 mit Ende 50 an einer Magen-Darm-Erkrankung, sondern erlebt im Film mit Anfang 70 die Eroberung Isfahans durch die Seldschuken im Jahr 1051. Das kann man der Verfilmung aber kaum vorwerfen: Nach Aussage seines Autors Noah Gordon sollte schon der Roman keine Darstellung der historischen Realität sein, sondern ist eher als mittelalterliche Fantasy-Welt gedacht; dazu passt auch Robs Gabe, den nahenden Tod eines Menschen „spüren“ zu können. Und als Mittelalter-Fantasy mit historischer Grundierung funktioniert der Film ausgezeichnet!

Zum Abschluss muss trotzdem noch ein bisschen „nitpicking“ sein. Ich beschränke mich mal auf drei Stellen:

  • Nach seiner Starstich-Operation sagt der Bader vor Glück weinend, er könne nun wieder sehen „wie als kleiner Junge“. Bei Starstich-Operationen wurde aber bis in die Frühe Neuzeit die getrübte Linse als Ganzes entfernt, woraus starke Weitsichtigkeit (ca. +11 Dioptrien) resultierte. Gut sehen konnte man danach also nicht, aber immerhin konnte man überhaupt wieder etwas sehen.
    Wie realistisch es ist, dass jemand die im Film gezeigte Blinddarm-Operation überlebt, kann ich als Nicht-Medizinerin dagegen nicht beurteilen. Eigentlich gibt es die Behandlungsmethode, bei der der entzündete Wurmfortsatz abgetrennt wird, ja erst seit Ende des 19. Jahrhunderts; sie entstand also unter völlig anderen technischen und hygienischen Voraussetzungen.
  • Spätestens in dem Augenblick, als Rob das jüdische Tischgebet nicht sprechen konnte, wäre er als Nichtjude enttarnt gewesen. „So betet ihr also in England?“, hätte da sicher niemand gefragt. Das Tischgebet ist überall gleich. Mal ganz davon abgesehen, dass es nicht vor, sondern erst nach dem Essen gesprochen wird…
  • Als Ibn Sina mit Rob eingekerkert ist, wirft er Rob vor, aus Erkenntnisdrang einen Leichnam geöffnet zu haben, statt nach einem langen eigenen Leben zu streben, um möglichst lange Menschen helfen zu können. Vom „echten“ Ibn Sina ist ein Ausspruch überliefert, wonach er ein kurzes, erfülltes Leben einem langen, ereignislosen vorzog.

Aber, wie schon gesagt: Ein toller, spannender Abenteuerfilm! Sehenswert. Macht Lust, auch den Roman zu lesen.


Büchners „Dantons Tod“ in den Münchner Kammerspielen – Teil 2

1. Januar 2014

Das „Büchnerjahr“ 2013 durfte nicht zu Ende gehen, ohne von mir bei einem Theaterbesuch zelebriert zu werden. Georg Büchners (1813-1837) „Dantons Tod“ (1835) habe ich am 29. Dezember 2013 in einer Bearbeitung von Matthias Günther und Tobias Staab in den Münchner Kammerspielen gesehen. Nachdem ich meine eigene Interpretation des Dramas vorausgeschickt habe (Teil 1), möchte ich nun meine Eindrücke von der Inszenierung wiedergeben (Teil 2).

Die beiden Dramaturgen Günther und Staab haben dem ohnehin schon mehrschichtigen Dramentext, in den Büchner Quellen aus der Zeit der Französischen Revolution einmontiert hat, noch weitere Textlagen hinzugefügt. So weist schon der eingangs von einem der Präsidenten des Revolutionstribunals, Herman (Hans Kremer), gesprochene Text darauf hin, in welchem Sinne man das Stück interpretiert wissen möchte: als Drama über die conditio humana, über die Bedingungen des Menschseins und die „Natur“ bzw. das „Wesen“ des Menschen. Diese Perspektive zieht sich durch praktisch alle hinzumontierten Textpassagen und findet ihren Kulminations- und Schlusspunkt darin, dass Robespierre (Wolfgang Pregler) als seine „Letzte[n] Worte“ auf der Bühne den Schluss des Romans „Elementarteilchen“ (Les particules élémentaires, 1998) des französischen Schriftstellers Michel Houellebecq zitiert, das mit dem pathetischen Satz endet: „Dieses Buch ist dem Menschen gewidmet“ (S. 357). Ein Satz, den man angesichts der Handlung sowohl des Dramas als auch des Romans (der, kurz gesagt, die Selbstabschaffung des Menschen durch die Gentechnik zum Thema hat) wohl nur ironisch verstehen kann. Allerdings als doppelte Ironie, die sich selbst auflöst: Michel Houellebecqs doppelbödige Erzählweise entlarvt durch innere Widersprüche die menschenverachtende Ideologie seines personalen Erzählers Michel, der das Glück der Menschheit im Ende seiner natürlichen Reproduktion sieht, und liefert damit letztlich doch ein echtes Plädoyer für den (nicht gentechnisch veränderten) Menschen. Ebenso selbstentlarvend menschenverachtend ist für die Dramaturgen das Gerede Robespierres (z.B. „Die Revolutionsregierung ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei“, I,3)  und St. Justs (v.a. seine Rechtfertigung des terreur in II,7: „Die Schritte der Menschheit sind langsam, man kann sie nur nach Jahrhunderten zählen; hinter jedem erheben sich die Gräber von Generationen. Das Gelangen zu den einfachsten Erfindungen und Grundsätzen hat Millionen das Leben gekostet, die auf dem Wege starben. Ist es denn nicht einfach, daß zu einer Zeit, wo der Gang der Geschichte rascher ist, auch mehr Menschen außer Atem kommen?“). Auch ex negativo und mittels einer intertextuellen Analogie lässt sich Büchners Drama also als Plädoyer für Menschlichkeit deuten. Bestätigt wird diese Interpretation durch den ausdrücklichen Überdruss der gemäßigten Jakobiner am Töten, etwa durch Héraults Reden gegenüber seinen Freunden („Die Revolution muß aufhören, und die Republik muß anfangen“, etc., I,1 – bei den Münchner Kammerspielen, wenn ich mich recht erinnere, Lacroix zugewiesen, da Hérault gestrichen wurde). Ob dieses Additum wirklich nötig gewesen wäre? Ob es außerdem nötig gewesen wäre, dass sich Robespierre nackt auszieht, während er spricht – der Mensch in seiner physischen Verletzlichkeit – und den Theaterbesucher so noch mit der Nase auf diese Deutung stößt?

Die Nacktheit des kleinbürgerlichen Tyrannen auf der Bühne erinnerte mich an Bert Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ (1941) in der aktuellen Inszenierung des Berliner Ensembles, in der sich Arturo Ui a.k.a. Adolf Hitler auch einmal nackt auf der Bühne befindet. Ebenso intonierte Pregler Robespierres Monolog nach der Konfrontation mit Danton (Pierre Bokma) in I,6 im Stil einer grotesk-komischen Hitlerrede bzw. einer Rede Arturo Uis – ein weiterer intertextueller Bezug. Überhaupt scheint sich die Inszenierung stark an Brechts epischem Theater zu orientieren, als dessen Vorläufer vor allem Büchners „Woyzeck“ gilt: Die fiktionale Realität auf der Bühne wird schon von Anfang an durchbrochen. Kein Vorhang wird betätigt, nie erfolgt ein Szenenwechsel durch Veränderung des Bühnenbilds, es gibt kaum Auf- und Abtritte. Die Dantonisten sprechen oft in Anwesenheit der Robespierristen und umgekehrt. Das Bühnenbild selbst ist stilvoll: eine mit Kerzen geschmückte lange Tafel, an deren Ende ein Streicher-Ensemble sitzt, das während der gesamten Aufführung für Live-Musik sorgt (komponiert von Carl Oesterhelt).  Abwechslung erzeugen die Leinwände an der hinteren Bühnenwand, auf die zum einen szenenweise Schwarzweißbilder einer Kamera projiziert werden, die auf einem sich drehenden Tisch in der Mitte der Tafel liegt. Zum anderen werden so Stimmungen oder Vorstellungswelten der Charaktere ausgedrückt, z.B. Sommer oder Winter oder auch Dantons Frau Julie (Anna Drexler), die sich angesichts der Verhaftung und bevorstehenden Exekution Dantons auf eine blühende Sommerwiese fortträumt. Verfremdungseffekte entstehen auch, wenn einzelne Passagen erst im französischen Original und dann auf Deutsch gesprochen werden oder wenn der Bürger Simon (Benny Claessens) zuweilen statt gesprochener Passagen linksradikale Lieder singt („Totgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat!“, I,2). Herman erhält eine Doppelfunktion als Revolutionsrichter und fast schon allwissender Erzähler, der historische Erläuterungen zur Revolution und den Septembermorden liefert und in der eigentlich monologischen Flucht-Szene (II,4) als Freud-Verschnitt einen fast schon psychoanalytischen Dialog mit Danton führt, der keine Lust zu fliehen hat. St. Just wird von einer Schauspielerin gespielt (Annette Paulmann) – so weit, so gut, wird doch auch der „echte“ Saint-Just von Zeitgenossen als attraktiver, androgyn wirkender junger Mann beschrieben. Allerdings kann man Annette Paulmann in Kleid und Highheels nun wirklich nicht als androgyn bezeichnen; im Gegenteil erscheint sie so als Verkörperung der Marianne, wie in Delacroix’ berühmten Gemälde „Die Freiheit führt das Volk“ (La Liberté guidant le peuple, 1830). Grotesk  wird es allerdings, wenn St Justs große Hetzrede (II,7) zum Gespräch mit Lucile (Marie Jung) wird, die ihm gegenübersitzt, und bruchlos in Olympe de Gouges’ „Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin“ (Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne, 1791) übergleitet und vor allem aus der Vorrede, aber auch aus den Artikeln zitiert: „Die Frau hat das Recht das Schafott zu besteigen; sie muss gleichermaßen das Recht haben, die [Redner-]Tribüne zu besteigen“ (Art. 10). Von derlei politischen und nach Auffassung vieler Zeitgenossen „unweiblichen“ Vorstellungen hielt auch Saint-Just nichts – ganz zu schweigen davon, dass Olympe de Gouges den gemäßigten Girondisten nahestand. Schade fand ich, dass die „volksverhetzende“ Dimension der Rede dadurch abgemildert wurde (falls die Intention gewesen sein sollte, auf die Radikalität auch der Forderungen der Olympe de Gouges in ihrer Zeit hinzuweisen, kam das bei mir jedenfalls nicht an). Auch Dantons Nihilismus und sein Wunsch, durch Selbstauslöschung Ruhe zu finden, wirkten in dieser Inszenierung merklich gedämpft. Dies lag zum einen wohl daran, dass die Figur des Philippeau als gläubiger Gegenpol zum Atheisten Danton gestrichen worden war und passte zum anderen wohl nicht recht in die Interpretation Günthers und Staabs, die das Drama durch hinzugefügte Texte bis zu einem Bericht von der Ermordung Robespierres weiterführten, statt es mit der Hinrichtung der gemäßigten Jakobiner und Luciles selbstmörderischem „Es lebe der König! (IV,9)“ enden zu lassen. (Übrigens glaube ich entgegen Camilles Deutung in IV,5 nicht, dass es wirklich der Wahnsinn ist, der aus Lucile spricht, sondern eher der tragische Wunsch, ohne ihren Liebsten Camille nicht leben zu können und zu wollen. Im Gegensatz zu Dantons Frau Julie, die eigentlich Louise hieß und eine Freundin seiner im Kindbett gestorbenen ersten Frau Antoinette war, folgte sie ihrem Mann ja wirklich in den Tod, und das auf ähnliche Weise wie im Drama dargestellt.)

Auch wenn mich die conditio humana-Deutung von „Dantons Tod“ nicht ganz überzeugt – es ist schließlich kein auf Allgemeingültigkeit angelegtes Ideendrama, sondern eine Studie der Französischen Revolution und ihrer Protagonisten einerseits und eine Darstellung persönlicher philosophischer Ansichten Büchners andererseits –, halte ich sie doch insgesamt für plausibel. Wirklich schief fand ich nur zwei Szenen: die schon erwähnte Rede von St. Just-Olympe und Dantons Verteidigungsrede vor dem Revolutionstribunal (III,9), die Pierre Bokma doch tatsächlich weinerlich vortrug. Jemand, der sich die eigene Selbstauslöschung wünscht (auch wenn er sie für letztlich nicht erreichbar hält), hält eine solche Rede doch nicht schluchzend! „[D]as Leben ist mir zur Last, man mag mir es entreißen, ich sehne mich danach, es abzuschütteln“, sagt er in seiner ersten Anhörung (III,4)! Abgesehen davon hat mich Bokma als Danton aber wirklich überzeugt; die vielbeschriebene Vitalität des Revolutionärs brachte er gut zum Ausdruck. (Die innere Erstarrung – Stichwort Nihilismus – im Gegensatz zur äußeren Lebhaftigkeit nicht ganz so gut, aber das lag eindeutig an der Inszenierung; seine Interpretation von III,9 mit Sicherheit auch.) Die Theaterbesucher schienen vor allem die Bühnenkonstruktion und die hinzugefügten Szenen zu irritieren; schlussendlich bekamen Pierre Bokma als Danton und Wolfgang Pregler als Robespierre zwar – verdient! – den meisten Applaus, die Musiker insgesamt aber mehr Beifall als die Schauspieler.

Insgesamt ist die Inszenierung sehens- und durchdenkenswert. Wer kann und möchte, kann sie noch am 5. Januar 2014 um 19 Uhr oder 10. Februar 2014 um 19.30 Uhr in den Münchner Kammerspielen sehen; weitere Termine sind bislang nicht angegeben.


Büchners „Dantons Tod“ in den Münchner Kammerspielen – Teil 1

1. Januar 2014

Das „Büchnerjahr“ 2013 mit dem 200. Geburtstag des Dichters durfte nicht zu Ende gehen, ohne von mir bei einem Theaterbesuch zelebriert zu werden. Georg Büchners (1813-1837) „Dantons Tod“ (1835) habe ich am 29. Dezember 2013 in einer Bearbeitung von Matthias Günther und Tobias Staab in den Münchner Kammerspielen gesehen. Bevor ich meine Eindrücke von der Inszenierung wiedergebe (Teil 2), möchte ich meine eigene Interpretation des Dramas vorausschicken (Teil 1), das neben Goethes „Faust I“ mein Lieblingsdrama ist. Zitiert wird nach der Szenenaufteilung von „Dantons Tod“ bei „Projekt Gutenberg“.

Wesentlich ist aus meiner Sicht die Darstellung Dantons als eines Menschen, der an den Unmenschlichkeiten der Revolution verzweifelt, die für das Volk keine Besserung seiner Lage mit sich gebracht haben. Er kann nicht mehr an die Willensfreiheit und die Wirksamkeit menschlichen Handelns glauben; stattdessen betrachtet er den Gang der Geschichte als unberechenbar (Fatalismus): „Puppen sind wir, von unbekannten Gewalten am Draht gezogen; nichts, nichts wir selbst!“ (II, 5). Handeln erscheint ihm vom Einzelnen nicht steuerbar; er stürzt in Lethargie und Langeweile, die er durch „Genuss“ nach dem Motto „Wein, Weib und Gesang“ betäubt – was nicht zuletzt zu seiner Gefangennahme und Hinrichtung beiträgt. Bezeichnend der Wortwechsel zwischen Lacroix und Danton in der ersten Szene (I,1), der als epische Vorausdeutung das Ende schon vorwegnimmt: „Wir müssen handeln.“ – „Das wird sich finden.“ – „Es wird sich finden, wenn wir verloren sind.“
Dantons fatalistisches Geschichtsverständnis führt allerdings nicht dazu, dass er die Verantwortung Einzelner für bestimmte Ereignisse ganz negiert. Im Gegenteil fühlt er sich persönlich an den „Septembermorden“ von 1792 schuldig, die er als damaliger Justizminister mit befördert hat. Diese Schuld quält ihn ebenso wie das Bewusstsein, dass die Revolution nichts für die einfache Bevölkerung erreichen konnte.

Robespierre, der ihm wegen seiner Genusssucht sittliche Verfehlungen vorwirft, hält Danton den sprichwörtlichen Spiegel vor und entlarvt dessen Tugendhaftigkeit als Selbstgerechtigkeit: „Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen, bloß um des elenden Vergnügens willen, andre schlechter zu finden als mich. – Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchmal ganz leise, heimlich sagte: du lügst, du lügst!?“ (I,6) Tatsächlich stürzt er den „Unbestechlichen“ damit in Selbstzweifel, doch aus dieser Handlungslosigkeit entreißt ihn sein Scharfmacher St. Just sogleich wieder, um den Tod der Dantonisten zu beschließen.

Danton ist seines Lebens überdrüssig; er sehnt sich nach Selbstauslöschung und damit auch der Auslöschung seiner Seelenqual, möchte endlich Ruhe im Nichts finden. Doch auch der Nihilismus bietet ihm letztlich keine Zuflucht: „Der verfluchte Satz: Etwas kann nicht zu nichts werden! Und ich bin etwas, das ist der Jammer!“ (III,7). Sogar die Selbstauslöschung erscheint also als Ding der Unmöglichkeit. Danton will nicht mehr leben, doch auch im Tod ist für ihn keine Hoffnung auf Erlösung – religiöse ohnehin nicht, aber eben auch keine philosophische.
Oder vielleicht doch? Dantons letzte Worte, bevor er von der Conciergerie auf den Revolutionsplatz zur Hinrichtung geführt werden, lauten: „Die Welt ist das Chaos. Das Nichts ist der zu gebärende Weltgott.“ (IV,5) Die vage Hoffnung, dass das ersehnte Nichts irgendwann entstehen könnte (wie die Welt nach Hesiods Theogonie (Θεογονία), auf die Büchner hier wohl anspielt, oder Gen 1,1 irgendwann aus dem Chaos entstanden ist, möchte man hinzufügen), hat er also nicht ganz aufgegeben. Aber nach Hesiods „Werke und Tage“ (Ἔργα καὶ Ἡμέραι) blieb ja auch in der Büchse der Pandora am Ende nur die trügerische(!) Hoffnung zurück…
Dantons Philosophie ist kein geschlossenes System; sie wandelt sich im Verlauf des Stücks.

Dass sich Danton am Ende vor dem Revolutionstribunal doch gegen seine Ankläger verteidigt (III,9 und 10), ist wohl mehr dem Wunsch geschuldet, es den radikalen Jakobinern um Robespierre nicht gar zu leicht zu machen und die eigene Haut nicht gar so billig zu verkaufen, als ein ernsthafter Versuch, sie zu retten. Es gelingt ohnehin nicht; die Volksmasse ist zu wankelmütig und unberechenbar, als dass sie sich von Dantons Argumenten dauerhaft gewinnen ließe. Aber ist auch hier nicht eine leise Hoffnung? Die Hoffnung nämlich, dass der Tod der gemäßigten Jakobiner um Danton bereits den Sturz Robespierres vorwegnimmt – und damit letztlich doch das Ende des Terreur und seines sinnlosen Mordens bringt. „Ihr tötet uns an dem Tage, wo ihr den Verstand verloren habt; ihr werdet sie an dem töten, wo ihr ihn wiederbekommt“ (IV,7) – so spricht allerdings nicht Danton, sondern Lacroix, der ja weiter an der Bedeutsamkeit menschlichen Handelns festhält. Gut möglich, dass Danton seine flammende Verteidigungsrede nur aus Verbundenheit mit seinen Freunden hält, die mit ihm todgeweiht sind, weil er nicht handelte, als vielleicht noch Zeit gewesen wäre. Lacroix’ Worte sind und bleiben aber eine Vorausdeutung – keine intrafiktionale, sondern eine auf den weiteren Verlauf der Geschichte. Sie lassen zumindest diese Überlegung zu: Wenn Dantons philosophische Reflexionen über das Nichts und die Geschichte Büchners persönliche Überzeugungen wiedergeben (was man wohl annehmen darf, da Büchner entsprechende Überlegungen in Briefen äußert), dann ist Dantons/Büchners Geschichtsfatalismus vielleicht ebenso brüchig wie Dantons/Büchners Nihilismus. Ein geradezu postmodernes Denken, dieses Vielleicht-doch, das das Vorhandensein absolut gesetzter Überzeugungen/Ideologien negiert, ohne letztlich eine Lösung anbieten zu können. Ja, auch Büchners eigenes Handeln als Revolutionär in der Vormärzzeit, insbesondere seine Flugschrift „Der Hessische Landbote“ (1834), blieb letztlich ohne die erhoffte Wirkung. Aber … vielleicht doch?

Kurzum: Für mich sind zum einen die philosophische Dimension des Dramas (Geschichtsfatalismus und Nihilismus wie auch das Ungenügen an ihnen) und zum anderen die (entsprechend der Quellen, die Büchner zur Verfügung standen) möglichst realistische Darstellung der Revolutionszeit die beiden wesentlichen Interpretationszugänge zum Drama. Zu letzterem Punkt, auf den ich hier nur oberflächlich eingegangen bin, zählen sowohl die Darstellung der prekären Situation des Volkes und der Eigendynamik von Volksmassen als auch die zahlreichen wörtlich eingewobenen Quellenpassagen insbesondere in Bezug auf politische Äußerungen. Die wörtlichen Zitate sind, ebenso wie die vielen klassizistischen Anspielungen der Revolutionäre auf die Antike, für die intertextuelle Mehrschichtigkeit des Dramas wichtig; ich will aber nicht verhehlen, dass mich die philosophische Seite mehr interessiert, ich ihr deshalb auch mehr Raum gegeben habe.


Bundestagswahl 2013 – Zur FDP

22. September 2013

So. Ich hatte mir zuerst überlegt, das nun Folgende auf Facebook zu posten, was ich vielleicht auch noch in komprimierter Form tun werde, aber ich muss jetzt einfach mal was loswerden, und das wird für Facebook, glaube ich, zu lang und zu unstrukturiert. Ich bin ja jemand, der lieber fünfmal darüber nachdenkt, was er so in die Welt hinausposaunt; vielleicht blogge ich auch deshalb so selten. Aber das muss jetzt mal sein, und ich werde auch nichts von dem Folgenden zurücknehmen müssen, weil es aus tiefster Seele kommt.

Wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, bin ich überzeugte Liberale. Und ja, ich habe bisher immer mit beiden Stimmen FDP gewählt; auch diesmal. (Wenn auch nicht heute, da per Briefwahl. – Eine Ausnahme sind die Kommunalwahlen, bei denen ich auch Kandidaten anderer Parteien wähle, wenn ich deren Arbeit schätze.) Ich kann mich natürlich irren – und ich hoffe das Gegenteil! -, aber ich gehe nicht davon aus, dass es die FDP noch in den Bundestag schaffen wird.

Meine Wünsche an die FDP sind:
1. Endlich ein ausgewogenes Verhältnis zwischen politischer Freiheit (d.h. Menschen- und Bürgerrechten) einerseits und wirtschaftlicher Freiheit andererseits.
2. Keine Zweitstimmenkampagnen mehr! Never ever again!

Zu 1) Ich bin linksliberal und würde mich auch so bezeichnen. Das bedeutet aber nicht, dass ich möchte, dass die FDP eine linksliberale Partei wird. Ich möchte, dass die FDP wieder eine Partei wird, für die Menschen- & Bürgerrechte und Wirtschaft genau gleich wichtig sind und die auch beide Themen gleichrangig behandelt. Die überzeugend vermitteln kann, dass wirtschaftliche und politische Freiheit zwei Seiten einer Medaille sind, wie es übrigens auch Guido Westerwelle in seiner Zeit als FDP-Vorsitzender immer in Parteitagsreden betont hat – und der ist nun wirklich niemand, der im Ruch des Linksliberalen steht. Im Moment ist das nicht der Fall. Die einzige wirklich prominente “Bürgerrechtsliberale” ist Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Die FDP fokussiert auf die Wirtschaftspolitik und vergisst, dass man nur über dieses Thema niemanden für die liberale Sache begeistern kann. Dadurch gewinnt man vielleicht ein paar wirtschaftsinteressierte Wähler, aber die können auch finden, dass dieses ihr Interesse genauso gut von Parteien wie der CDU oder der AfD vertreten wird. Die FDP muss wieder zeigen können, dass das Wort “Freiheit” für sie nicht nur eine Worthülse ist – und dass sie, verdammt noch eins, die entsprechenden Bürgerrechtsthemen ja durchaus in ihrem Programm hat!

Und noch ein Wort zur AfD: Meiner Einschätzung nach wählen diese Partei
a) Personen, die im Prinzip die FDP wählen würden – aber nur wegen der Wirtschaft. Bürgerrechte sind diesen Personen egal; “Ausländer” wollen sie nicht.
b) Personen, die im Prinzip die Linke wählen würden – aber nur wegen deren Kritik an internationaler Vernetzung z.B. in Bezug auf NATO-Einsätze. Dass der Sozialismus von seiner Genese her eine internationale Idee ist, passt ihnen dagegen nicht. Sie sind gegen die europäische Vernetzung, gegen den Euro und – gegen “Ausländer”.
Für mich ist es nicht zu fassen, dass es so viele Menschen geben soll, die so denken und wählen.

Zu 2) Vor nicht mal einer Woche habe ich mit einer Person gesprochen, die ich persönlich sehr schätze und die meine politische Einstellung kennt. Sie ["sie" bezieht sich übrigens auf "die Person" und ist kein Hinweis auf das Geschlecht derselben] fragte mich, was ich von der Zweitstimmenkampagne der FDP halte. Ich seufzte ein wenig resigniert und sagte “ja mei”; eine Überraschung war das schließlich nicht. Daraufhin regte sich die Person auf und sagte mir, dass genau dieses Verhalten (also nicht meine Reaktion, sondern die Zweitstimmenkampagne ;) ) die FDP für sie unwählbar mache. Was sollte ich dazu schon groß sagen? “Sie haben verdammt recht; diese Zweitstimmenkampagnen gehen mir auch mächtig auf den Senkel, aber es gibt dummerweise keine Partei, die meine Überzeugungen mehr vertritt als die FDP, sodass keine andere für mich wählbar ist”? So traurig es ist, so wahr ist es auch!

Was ich dann gesagt habe, war, dass es auch aus meiner Sicht ein Fehler ist, dass sich die FDP so einseitig an die CDU bindet und dass sie für eine Ampelkoalition ebenso offen sein müsste. (Am liebsten wäre mir zwar eine sozialliberale Koalition aus SPD und FDP, aber da werden mir nicht nur die Grünen-Anhänger sagen, dass ich da mal schön weiterträumen soll…)

Die FDP muss endlich verstehen, dass sie Zweitstimmenkampagnen nicht weiterbringen. Niemand wird die FDP wählen, weil er Angela Merkel will. Ich übrigens auch nicht. Ich will Angela Merkel ja gar nicht! Ich finde die Frau furchtbar, sie sitzt alles aus wie dereinst Kohl, hat keine eigenen Ideen und anscheinend nicht mal unverbrüchliche Überzeugungen. Keine klare Kante, ganz im Gegensatz übrigens zu ihrem Herausforderer Steinbrück. Der hat sich zwar am Anfang des Wahlkampfs angestellt wie der berühmte Elefant im Porzellanladen, aber gegen Ende vieles wieder wettgemacht. Klar, man sollte einfach wissen, dass man Sachen, die zwar sachlich zutreffend sind – im Vergleich zu Managergehältern sind Politikergehälter niedrig, auch wenn das eher gegen die Managergehälter spricht als gegen die Politkergehälter – einfach nicht sagt, wenn das gleichbedeutend damit ist, dass man implizit eine Gehaltserhöhung für sich selbst fordert. Aber dass Steinbrück jemand ist, dem man abnimmt, dass er sagt, was er denkt (auch wenn er in diesem Fall noch mal darüber hätte nachdenken sollen, was er da sagt), finde ich doch sehr sympathisch.

Wie schon gesagt, Zweitstimmenkampagnen bringen die FDP nicht weiter. Ich dachte eigentlich, das zumindest hätte Rösler verstanden, als er FDP-Vorsitzender wurde. Denn ich wähle die FDP, weil ich die FDP will, und ganz bestimmt nicht, weil ich Angela Merkel will. Und ich würde mit meiner Erststimme niemals, wirklich niemals die CSU wählen! Never ever! Dann schon eher die SPD. Sollte die FDP ihren liberalen Kompass jetzt nach der Wahl nicht neu ausrichten oder gar ihre Bürgerrechtspositionen noch weiter schwächen, mache ich bei der nächsten Bundestagswahl mein persönliches Stimmensplitting und gebe meine Erststimme der SPD. (Auch wenn das dem entsprechenden SPD-Kandidaten bzw. der SPD-Kandidatin dann vermutlich auch nicht viel bringt; ich bin schließlich aus Bayern.)

Aber ich wähle die FDP, weil ich die FDP will. Nicht, weil ich eine Koalition der FDP mit der Partei X will. Dass die FDP nicht allein regieren wird und mit ihren eigenen Zielen in einer Koalition Abstriche machen muss – geschenkt. Aber, bitteschön, doch nicht so viele Abstriche wie in den vergangenen vier Jahren! Die FDP hätte diesen Koalitionsvertrag nie unterschreiben dürfen! Aber Angela Merkel und Wolfgang Schäuble haben darauf gesetzt, dass die FDP sich damals verpflichtet fühlte, zu “liefern” – und gewonnen. Spiel, Satz und – wie man heute eindrucksvoll gesehen hat – Sieg.

Und damit gute Nacht. Auch gute Nacht, FDP. Ich wünsche Dir, dass Du wieder aufwachst. Die Chancen dazu trägst Du in Dir, auch wenn es für Dich jetzt schwieriger wird denn je.


A Sign of Tolerance – Ein Zeichen von Toleranz

30. Juli 2013

(deutsche Version: siehe unten)

I must admit that I have been and still are quite sceptical about Pope Francis, because – well, because he loves the camera and the camera loves him. He’s just acting too well with the media. But now – this sign of tolerance:

“If someone is gay and he searches for the Lord and has good will, who am I to judge?”
(On Gay Priests, Pope Francis Asks, ‘Who Am I to Judge’?, New York Times, 29.07.2013) 

Yes, the Catholic Church is still far from accepting homosexuals for who they are. Yes, Francis is against gay marriage and adoption rights for gay or lesbian couples; he does consider homosexual action as a sin, as being against God’s will. But nonetheless – his “Who am I to judge?” is resonating within my liberal heart (yes, I’m an ideologist, I don’t deny it). Perhaps I’m over-interpreting, but I interpret his statement that way: Francis accepts homosexuality as being “just there”, not something people can choose to be. People are either born this way, or they aren’t. Therefore, homosexuality is nothing people can be “cured of”.* Hence, it would be unmerciful to condemn homosexual people, because it’s not their “fault” that they are homosexual. If someone who is gay seeks God, wants to become a priest and, as such, lead a celibate life, he may.

That’s more than any pope publicly conceded to homosexual people ever before. It’s a sign of tolerance. It shines. And it makes me, as a Christian, a liberal and (being a liberal) an advocate of tolerance in the Enlightenment sense of the word – happy. This is the first time I didn’t have to be enraged when hearing a pope’s words on such an issue. Thank you, Francis!

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* Following pure logics, the next thought would be: “If you can’t choose your sexual orientation, it must be God who made you gay/ lesbian or straight. Consequently, homosexuality cannot be against God’s will and therefore should be accepted by the Church.” But that’s probably asking too much…

chodowiecki_aufklärung

Daniel Nikolaus Chodowiecki: Aufklärung, 1791 (Ausschnitt mit Kirche)

(English version: see above)

Ich muss gestehen, dass ich ziemlich skeptisch gegenüber Papst Franziskus war und immer noch bin, weil – ja, weil er die Kamera liebt und die Kamera ihn liebt. Er geht einfach zu gut mit den Medien um. Aber nun – dieses Zeichen der Toleranz:

„Wenn jemand schwul ist und Gott sucht und guten Willens ist – wer bin ich, darüber zu urteilen?“
(On Gay Priests, Pope Francis Asks, ‘Who Am I to Judge’?, New York Times, 29.07.2013)

Ja, die katholische Kirche ist immer noch weit davon entfernt, Homosexuelle dafür zu akzeptieren, was sie sind. Ja, Franziskus ist gegen die Homo-Ehe und Adoptionsrechte für schwule oder lesbische Paare; er betrachtet homosexuelle Handlungen als Sünde, als etwas, das gegen den Willen Gottes ist. Und dennoch – sein „Wer bin ich, darüber zu urteilen?“ klingt in meinem liberalen Herzen nach (ja, ich bin ideologisch, ich streite es gar nicht ab). Vielleicht überinterpretiere ich ihn da, aber ich interpretiere seine Äußerung so: Franziskus akzeptiert Homosexualität als etwas, das „einfach da“ ist, nicht als etwas, bei dem Menschen darüber entscheiden können, ob sie es sein wollen. Menschen werden entweder so geboren oder eben nicht. Also ist Homosexualität auch nichts, wovon Menschen „geheilt“ werden könnten.* Deshalb wäre es unbarmherzig, homosexuelle Menschen zu verdammen, weil es nicht ihre „Schuld“ ist, dass sie homosexuell sind. Wenn jemand, der schwul ist, Gott sucht, Priester werden möchte und als solcher ein enthaltsames Leben führen möchte, dann darf er das.

Das ist mehr, als irgendein Papst homosexuellen Menschen je öffentlich zugestanden hat. Es ist ein Zeichen von Toleranz. Es leuchtet. Und es macht mich als Christin, als Liberale und als liberale Verfechterin von Toleranz im Sinne der Aufkärung – glücklich. Das ist das erste Mal, dass ich mich nicht aufregen musste, als ich die Worte eines Papstes zu so einem Thema gehört habe. Danke, Franziskus!

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* Rein logisch betrachtet müsste der nächste Gedanke sein: „Wenn man seine sexuelle Orientierung nicht wählen kann, muss es Gott sein, der einen als schwul/ lesbisch oder hetero geschaffen hat. Folglich kann Homosexualität nicht gegen den Willen Gottes sein und sollte deshalb von der Kirche akzeptiert werden.“ Aber das ist dann wahrscheinlich doch zu viel verlangt…


Immerwährende 365-Tage-Kalender

28. Juli 2013

Nachdem ich in meinem Eintrag vom 27. Juli 2013 auf den Paperblanks-Kalender eingegangen bin, das Geburtstagsgeschenk für meinen Vater, möchte ich nun auf das Namenstagsgeschenk für meine Oma zu sprechen kommen: einen immerwährenden 365-Tageskalender mit je einem Bild und einem Spruch pro Tag von Weltbild, 365 Weisheiten der Welt. Ich habe diesen Kalender ausgewählt, weil meine Oma schöne Bilder mit Sprüchen dazu sehr gerne mag. Tatsächlich hat sie sich sehr darüber gefreut. :-)

Was mich betrifft, ist es zwar nicht so, dass ich Zitate und schöne Bilder grundsätzlich nicht mag, aber mir sind politische Statements deutlich lieber – oder solche Zitate, die (obwohl vom Verfasser natürlich nicht beabsichtigt) manchmal geradezu erschreckend prophetisch wirken:

Und eh’ ihr einen Schläger
Erhebt zum Völkermord,
Sucht unsern Bannerträger,
Das freie Wort!

— 2. Strophe des Gedichts “Das freie Wort” von Georg Herwegh (1817-1875) aus der Sammlung “Gedichte eines Lebendigen”, Teil 1 (1841)

Sprüche wie “Das Glück ist das Einzige, das sich verdoppelt, wenn man es teilt” sind dagegen weniger mein Fall – solche “Weisheiten” finde ich platt und banal. Meine Oma nicht. Das ist ihr gutes Recht, aber es ist auch mein gutes Recht, diese Sprüche nicht zu mögen.
(Laut Wikipedia ist das Sprichwort mit dem doppelten Glück übrigens aus China; andere Internetstimmen schreiben es Albert Schweitzer zu. Vielleicht hat es ja auch einfach irgendein Sprüchekompilator mal selbst erfunden.)

Was ich unter einem “schönen Bild” verstehe, ist vermutlich auch nicht ganz dasselbe wie das, was meine Oma dazu zählen würde: Blumen gehören nämlich nicht dazu, Wald und v.a. Wasser dagegen schon – Hauptsache, viel Dunkelgrün und Blau oder Gelb. Aber was rede ich – ihr seht ja das Design meines Blogs. Deshalb ist der “Weisheiten der Welt”-Kalender genau das Richtige für meine Oma – nicht für mich. Aber das Geschenk soll ja dem Beschenkten gefallen und Freude bereiten – nicht dem Schenkenden. Ergo: Ziel erfüllt! :-)

Blatt vom 1. Juli aus dem Kalender "365 magische Momente"

Blatt vom 1. Juli aus dem Kalender “365 magische Momente”

Kunst und v.a. Architektur gehören für mich auf jeden Fall und ganz besonders zu den “schönen Bildern”, z.B. der romanische Kreuzgang eines Klosters oder gotische Kathedralen. Deshalb besitze ich selbst den immerwährenden Tageskalender Eine Reise ins Mittelalter. 365 magische Momente von Pattloch (Verlagsgruppe Droemer Knaur), an dem mich aber mitunter extrem stört, dass nirgends angegeben ist, was denn nun genau auf diesem oder jenem Bild zu sehen ist. Gut, ich erkenne schon ein paar Abbildungen, z.B. am 1. Juli die Tapisserie mit der “Jungfrau mit dem Einhorn” als Symbol für Eitelkeit aus dem Pariser Musée de Cluny. Aber alles kenne ich eben auch nicht. Sogar das Wenigste.
Etwas besser ist es bei den Zitaten. Bei den Textzeilen “Das muss ein Armseliger sein, der nicht lebt und nicht liebt unter des Sommers Herrschaft”, ebenfalls für den 1. Juli, ist immerhin angegeben, dass sie “aus den Carmina Burana” seien. Dass sie präzise gesagt aus “Ecce gratum” (Nr. 143) stammen und im lateinischen Original “illi mens est misera/ qui nec vivit/ nec lascivit/ sub Estatis dextera” heißen, könnte man sich aber auch dann leicht ergoogeln, wenn man weder von der Benediktbeurer Liederhandschrift noch von Carl Orffs szenischer Kantate je zuvor gehört hätte. Bei den Sprüchen ist es also schon in Ordnung, aber bei den Abbildungen ist es wirklich schade. Der Bildnachweis nennt leider nur die Rechteinhaber. Vermutlich stört es 95% der Käufer dieses Kalenders auch überhaupt nicht, dass genauere Quellenangaben bei den Bildern fehlen, aber ich empfinde es an dem sonst schönen Kalender als Manko. In mir schlägt halt ein Historiker-Herz.
Zur Ehrenrettung des Kalenders muss man auch sagen, dass er trotz des romantisch-mittelalterverklärenden Titels wirklich geschmackvoll ist. Und der Geschichtsdidaktiker in mir, der “zu ästhetisierend” sagt, darf jetzt einfach mal ruhig sein… Außerdem: Selbst wenn ich hier kritisiere, dass der Kalender keine didaktischen Standards einhält – ich hab ihn mir gekauft, er steht auf meinem Schreibtisch, ich blättere ihn jeden Tag um, er gefällt mir. Punkt.


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