Die Ringparabel

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Eine Nacherzählung für Kinder

Der Sultan Saladin war ein muslimischer Herrscher, der im 12. Jahrhundert im Orient lebte. Eines Tages ließ er den Juden Nathan zu sich rufen, weil Nathan hoch angesehen war und als sehr weise galt. Also stellte ihm Saladin eine schwere Frage: Er wollte wissen, welcher Glaube der wahre sei: der jüdische, der christliche oder der muslimische.

Nathan antwortete mit dieser Geschichte:

„Lasst mich Euch die folgende Geschichte erzählen, Saladin.

Vor langer, langer Zeit lebte im Orient ein Mann, der einen schönen und wertvollen Ring besaß. Der Ring war das Geschenk einer Person, die dem Mann sehr viel bedeutete. Außerdem hatte sein Ring eine magische Kraft: Jeder, der ihn trug, war beliebt und wurde von allen Menschen um ihn herum gemocht.

Der Mann vererbte den Ring demjenigen seiner Söhne, den er am liebsten mochte. Er bat ihn, den Ring auch wieder an seinen liebsten Sohn zu vererben. So ging es immer weiter. Wer den Ring besaß, war gleichzeitig auch das Oberhaupt der Familie.

Schließlich wurde der Ring an einen Mann vererbt, der drei Söhne hatte, die er alle drei gleich gerne mochte. Von Zeit zu Zeit schien ihm mal der erste, mal der zweite und mal der dritte Sohn als der würdigste Träger des Rings. Deshalb versprach er allen dreien, dass er ihnen den Ring vererben werde.

Ihr könnt Euch sicher vorstellen, in welche Verlegenheit sich der Mann damit gebracht hat. Als er merkte, dass er bald sterben würde, überlegte er sich, was er tun konnte, um keinen seiner Söhne zu enttäuschen. Er wusste nämlich, dass sich alle drei auf sein Versprechen verließen.

Schließlich wusste er sich nicht anders zu helfen: Er gab bei einem Künstler heimlich zwei weitere Ringe in Auftrag. Der Künstler sollte weder Kosten noch Mühen scheuen, um die Ringe genauso aussehen zu lassen wie den des Mannes. Das gelang ihm sogar so gut, dass der Mann seinen eigenen Ring nicht mehr von den beiden anderen unterscheiden konnte. Daraufhin rief er nacheinander seine Söhne zu sich, gab jedem seinen Segen und übergab allen freudig einen der Ringe. Wenig später starb er.

Jeder Sohn wollte nun natürlich das Familienoberhaupt sein. Die drei stritten sich und ließen die Ringe untersuchen. Vergeblich – niemand konnte mehr feststellen, welcher Ring der richtige war.“

Nathan machte eine Pause.

„Genauso wenig können wir feststellen, welcher Glaube der richtige ist“, sagte er.

„Was?“, fragte Saladin. „Das soll die Antwort auf meine Frage sein?“

„Ich muss mich dafür entschuldigen, Sultan, aber ich kann mir nicht anmaßen, die drei Ringe zu unterscheiden, die der Mann in der Absicht machen ließ, dass sie nicht zu unterscheiden sind“, sagte Natan.

„Das mag ja für deine Ringe gelten“, antwortete Saladin. „Aber es gibt doch wohl Unterschiede zwischen den Religionen! Sogar bis in die Speisevorschriften! Wir Muslime sollen zum Beispiel keinen Alkohol trinken.“

„Ja, aber alle haben etwas gemeinsam: Sie gründen sich auf geschriebene oder überlieferte Geschichte. Und Geschichte muss man doch wohl auf Treu und Glauben annehmen, oder? Aber wessen Treu und Glauben zieht man denn am wenigsten in Zweifel? Doch seinen eigenen – den, der uns von unseren Familien vermittelt wurde, die uns lieben und uns nie betrogen haben! Wie könnte ich meinen Eltern weniger glauben als du den deinen? Und wie könnte ich von dir verlangen, dass du deine Eltern Lügner nennst, um den meinen nicht zu widersprechen? Dasselbe gilt auch für die Christen.“

Er hat Recht, dachte Saladin.

Aber Nathan war noch nicht fertig. „Um auf die Ringe zurückzukommen: Wie gesagt, die Söhne verklagten sich, und jeder schwor dem Richter, dass er seinen Ring unmittelbar aus der Hand des Vaters bekommen hatte. Was ja auch stimmte. Jeder beteuerte, dass der Vater ihm schon vor langer Zeit versprochen hatte, dass der Ring einmal ihm gehören sollte. Was ja genauso stimmte. Außerdem waren sich die Söhne sicher, dass ihr lieber Vater sie nicht belogen haben konnte. Deshalb nahm jeder an, dass seine beiden Brüder logen, obwohl die drei sich sonst gut verstanden und nur das Beste voneinander dachten.“

„Und der Richter?“, wollte Saladin gespannt wissen. „Was hat der Richter gesagt?“

„Der Richter sagte: ‚Wenn ihr den Vater nicht zu mir bringen könnt, dann werfe ich euch allesamt aus meinem Gerichtssaal. Was denkt ihr dann – dass ich dazu da bin, um Rätsel zu lösen? Oder wartet ihr darauf, dass der richtige Ring anfängt zu sprechen? Aber Moment! Soll der richtige Ring einen nicht beliebt machen? Daran sollt ihr eueren Streit entscheiden! Denn die falschen Ringe werden doch diese Wunderkraft nicht haben! – Also, wen lieben zwei von euch am meisten?’

Niemand erwiderte etwas.

‚Ihr schweigt?’, fragte der Richter. ‚Liebt ihr euch denn alle nur selbst am meisten? Dann seid ihr alle drei betrogene Betrüger! Euere Ringe sind alle drei nicht echt. Der echte Ring ging vermutlich verloren, und euer Vater ließ drei neue Ringe machen, um den Verlust des alten zu ersetzen.

Ich kann euch also keinen Richterspruch geben. Wenn ihr aber stattdessen meinen Rat möchtet: Nehmt alles einfach so, wie es ist. Wenn jeder von euch seinen Ring aus der Hand seines Vaters hat, soll jeder annehmen, dass der eigene Ring der echte ist. Es kann ja sein, dass der Vater die Tyrannei des Einen Rings nicht länger in seinem Haus dulden wollte. Und, dass er euch alle drei gleichermaßen geliebt hat: er wollte nicht zwei leer ausgehen lassen, um einen zu begünstigen.

Deshalb rate ich euch: Jeder von euch soll seinen Mitmenschen mit Liebe und Respekt begegnen. Strebt mit Sanftmut, Herzlichkeit, guten Taten und innigster Ergebenheit in Gott danach, die Kraft eueres Rings zum Vorschein zu bringen! Und wenn sich nach tausendmal tausend Jahren die Kräfte der Steine bei eueren Kindes-Kindeskindern äußern, könnt ihr wieder vor diesen Stuhl kommen. Dann wird dort ein weiserer Mann als ich sitzen und sprechen. Geht!’ Das sagte der bescheidene Richter.

Saladin, wenn Ihr denkt, dass Ihr dieser weisere, versprochene Mann seid…“

Saladin lief auf Nathan zu und nahm seine Hand. „Nathan, lieber Nathan“, rief er, „die tausendmal tausend Jahre deines Richters sind noch nicht um. Sein Richterstuhl ist nicht der meine. Geh! Geh, aber sei mein Freund.“

Nach:
Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise (Akt 3, Auftritt 7).
Giovanni Boccaccio: Das Dekameron (Tag 1, Geschichte 3).

Hinweise:
Soll nur ein Ausschnitt der Ringparabel verwendet werden, kann man die Geschichte auch mit dem Satz “‚Genauso wenig können wir feststellen, welcher Glaube der richtige ist’, sagte er.” abbrechen. Dann ist allerdings zu empfehlen, auch die beiden Sätze “Außerdem hatte sein Ring eine magische Kraft: Jeder, der ihn trug, war beliebt und wurde von allen Menschen um ihn herum gemocht.” zu kürzen, um spätere Nachfragen zu vermeiden, die dazu führen würden, dass man letztlich doch die gesamte Geschichte erzählen muss.

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