Frankenstein: Hybris und Ehrgeiz

Letzte Woche habe ich eine Vorlesung besucht, in der es u.a. um „Frankenstein“ ging, einen Roman, den ich sehr mag und zu dem ich demnächst mal eine Rezension schreiben sollte.

Mein Professor lehnt es ab, die Erschaffung des „Monsters“ durch Frankenstein als Hybris zu deuten, da Frankenstein eine durchaus ambivalente Figur ist, die durchaus ihre guten bzw. faszinierenden Seiten hat. Eine Erklärung mit Ehrgeiz, der sich über das dem Menschen (gegenüber den Göttern) zustehende Maß erhebt, würde – wenn ich meinen Professor richtig verstanden habe – für ihn eine Verdammung Frankensteins als Mensch bedeuten.

Ich deute Frankensteins Erschaffung des „Monsters“ als Hybris (was besagter Professor übrigens auch weiß), betrachte diese jedoch eben nicht als einen Grund, der eine Verdammung Frankensteins rechtfertigen würde. Im Gegenteil halte ich einen solch starken Ehrgeiz für eine zutiefst menschliche Eigenschaft, die allein deshalb schon nicht in eine bloße Verurteilung derjenigen münden kann, bei denen diese Eigenschaft auftritt.

Die Ursache der Hybris sehe ich in der (ebenfalls zutiefst menschlichen) Sehnsucht nach Ewigkeit: Der Mensch kann oder will zunächst einmal nicht akzeptieren, dass nichts auf dieser Welt „für immer“ ist, dass all sein Streben irgendwann im Vergessen verschwinden wird – spätestens dann, wenn es keine Menschen mehr gibt, sehr wahrscheinlich aber schon viel früher. Der Mensch sehnt sich danach, irgendeine „Spur“ seines Lebens für die Nachwelt zurückzulassen, sei es durch soziale bzw. karitative Tätigkeit, durch das Hinterlassen eines Erbes, durch Nachkommen, durch besondere wissenschaftliche oder politische Leistungen usw.

Manche Menschen haben die Sinnlosigkeit eines solchen Strebens nach Ewigkeit erkannt. Sie richten ihre Bemühungen entweder darauf, „den Augenblick zu leben“ – darauf, die Tätigkeit, die sie im Moment ausüben, möglichst bewusst und gut auszuüben – und streben nicht mehr nach Höherem. Oder sie richten nach der Erkenntnis, dass nichts „ewig“ ist, ihr Streben auf eine spirituelle Instanz – etwa den christlichen Gott – und hoffen, die Ewigkeit, die sie in diesem Leben niemals erreichen können, in einem anderen, jenseitigen Leben zu erlangen.
Die letztere Möglichkeit erscheint mir als wenig geeignete Kompensation für das Streben nach Höherem in diesem Leben (obwohl ich ja an Gott glaube – aber so möchte ich den Glauben nicht verstanden wissen, das ist für mich eher Realitätsflucht). Die erstere dagegen ist weise.

Die beiden Möglichkeiten, die ich soeben angedeutet habe, treffen allerdings weder auf meinen Professor noch auf mich zu – sonst wäre er nicht Professor, und ich würde nicht studieren, sondern vermutlich in einem Heizungsinstallationsbetrieb ein Rohr zurechtschweißen. (Etwas, das mir manchmal durchaus noch erstrebenswert erscheint – vor allem dann, wenn ich gerade besonders viel geistig anstrengende Arbeit leisten muss. Körperliche Arbeit, bei der man sich konzentrieren muss, laugt geistig nicht aus.)

Sind mein Professor oder ich also „böse“, weil wir ehrgeizig sind? – Nein, natürlich nicht. Der Gedanke wäre absurd. Wieso sollte also jemand „böse“ sein, wenn wir ihn dem Vorwurf der Hybris aussetzen? Hybris ist die reinste, am stärksten übersteigerte Form des Ehrgeizes. Aber zwischen ihr und dem „gewöhnlichen“ Ehrgeiz besteht nur ein gradueller Unterschied, kein Wesensunterschied. Beide sind Ausdruck einer Ewigkeitssehnsucht, die dem Menschen in diesem Leben versagt bleiben muss. Der Ehrgeiz als Ausdruck dieser Sehnsucht ist an sich weder gut noch böse, ebenso wie der Mensch an sich weder gut noch böse ist. Deshalb ist auch „Hybris“ ein Begriff, der für mich keine bloße moralische Verdammung bezeichnet. Vor diesem Hintergrund bezeichne ich Frankensteins wissenschaftliches Streben, das in der Erschaffung des „Monsters“ endet, als „Hybris“.

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