„Der Name der Rose“: Klösterliche Überlieferungen

Ich hoffe, ihr konntet alle ein schönes, ruhiges Weihnachtsfest verleben! Zu den letzten Tagen des Jahres gibt es von mir ein paar Gedanken über Vergängliches – nämlich über alte Manuskripte.

Für ein Seminar lese ich gerade „Der Name der Rose“ von Umberto Eco. In einer Passage (3. Tag, Terz) denkt Adso, der Erzähler, darüber nach, wie städtische Schulen und Universitäten die Klöster dadurch verändern, dass diese im 14. Jahrhundert längst nicht mehr die alleinigen Träger des Wissens sind. Er überlegt sich, dass die unverfälschte Bewahrung des (antiken) Wissens eigentlich nur dann erfolgen könnte, wenn es niemanden erreicht – wenn die Mönche Bücher nur kopieren, aber nicht verstehen würden. Außerdem zeigt er sich besorgt über den Verfall alter Manuskripte dadurch, dass man sie öffnet, berührt, liest: „sie aufzuschlagen hieß also, sie zu biegen, sie der zerstörerischen Einwirkung von Luft und Staub auszusetzen, die das feine Geäder, mit dem sich das Pergament im Laufe der Zeit überzogen hatte, aufplatzen lassen […] würde“ (engl. Ausgabe: „opening them meant folding them, exposing them to the harsh action of air and dust, which would erode the subtle winkles of the parchment“) …

Einer meiner Dozenten erzählte von Archiven, die jahrhundertealte, wertvolle und zerbrechliche Urkunden selbst der Forschung nicht mehr zugänglich machen, aus Angst, dadurch ihren Verfall zu beschleunigen. Seine Meinung dazu war eindeutig: „Dann könnte man sie auch gleich wegwerfen.“
Ich finde, er sagte da etwas sehr Wahres: Wenn vorhandenes Wissen nicht genutzt und niemandem zugänglich gemacht wird, ist es so, als würde dieses Wissen überhaupt nicht existieren. Als wäre die antike, mittelalterliche oder frühneuzeitliche Handschrift, Urkunde, Akte, etc. gar nie geschrieben oder uns nie überliefert worden.
Gut, sie mag ediert worden sein, es mag auch eine Übersetzung geben. Und dennoch – manche Dinge sieht man als Historiker bzw. Philologe nur an einem Original: das Papier, der Strich der Handschrift, Details des Siegels (sofern vorhanden), Unebenheiten im Text…

Das Wohl eines Buches besteht darin, gelesen zu werden. Bücher sind aus Zeichen gemacht, die von anderen Zeichen reden, die ihrerseits von den wirklichen Dingen reden. Ohne ein Auge, das sie liest, enthalten sie nur sterile Zeichen, die keine Begriffe hervorbringen, und bleiben stumm.
(The good of a book lies in its being read. A book is made up of signs that speak of other signs, which in their turn speak of things. Without an eye to read them, a book contains signs that produce no concepts; therefore it is dumb.)
William von Baskerville in „Der Name der Rose“, 5. Tag, Versper, gegen Ende der Passage

Sicher, es gibt auch die Position, erworbenes Wissen, das gefährlich werden könnte, schnellstmöglich zu vernichten oder den Zugang dazu stark einzuschränken. Ein Beispiel: die Erfindung der Atombombe. Doch ich denke, Friedrich Dürrenmatt hat nicht ganz unrecht, wenn er in seinem Theaterstück „Die Physiker“ (über die Verantwortung des Wissenschaftlers gegenüber seinen Erkenntnissen) die pessimistische Sichtweise äußert: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“

4 Antworten zu „Der Name der Rose“: Klösterliche Überlieferungen

  1. theomix sagt:

    Die Geschichte der biblischen Schriften lehrt mich: die Originale sind die Menschen, schriftliches ist ein Notbehelf, und schriftliche Originale sind höchst selten. Abschriften, Übersetzungen stehen manchmal als Ersatz da.
    Und dann nimmt man es aus dritter oder vierter Hand. Sieh doch: Weit weg vom Original lässt sich die Wahrheit spüren…

    • Jary sagt:

      Das ist für einen Theologen sicher auch eine vernünftige Einstellung. Als – wie ich mich selbst verstehe – Historikerin sehe ich das ein bisschen anders. Die menschlichen Originale sind ja leider meistens schon tot (es sei denn, man beschäftigt sich mit Zeitgeschichte), sodass man auf ihre schriftlichen und sonstigen Hinterlassenschaften – d.h. auf Quellen – angewiesen ist. (Der Textausschnitt, auf den ich oben hingewiesen habe, bezieht sich übrigens nicht auf theologische Schriften.)

      Aber selbstverständlich: Wenn das Original nicht verfügbar ist, bleibt einem nichts anderes übrig, als auf eine Abschrift oder Edition zurückzugreifen. Und wenn das Dokument auf Latein ist, ist eine deutsche oder englische Übersetzung zum Vergleichen sicher sehr nützlich, wenn man diese Sprache nicht so gut beherrscht.

      Wenn der Text in einer Sprache geschrieben ist, die der Historiker nicht beherrscht, muss er natürlich auch – wohl oder übel – auf eine Übersetzung zurückgreifen. Es ist allerdings immer besser, die Sprache zu verstehen, in der die Quelle geschrieben ist, damit der Text nicht zusätzlich verfälscht wird. Dass jede Übersetzung notwendigerweise gleichzeitig eine Interpretation ist, weiß ja jeder, der sich schon einmal näher mit Übersetzungen beschäftigt hat, ob nun Philologe oder nicht.

      Und mit „der Wahrheit“ ist das in der Historiographie so eine Sache… Meine Ansicht dazu: Absolute Objektivität gibt es in dieser Welt ebenso wenig wie absolute Wahrheiten, und Geschichtsschreibung ist letztlich immer Interpretation, die als solche offengelegt werden muss.

      • theomix sagt:

        Die Theologen sind nicht so weit weg von den Historikern wie du meinst: die Verschriftlichung kam, als die Originale hinwegstarben. (Bei den Evangelien geht man davon aus. die Briefe entstanden, weil die Verfasser nicht zur richtigen zeit am richtigen Ort sein konnten.)
        Es ging mir am Schluss nicht um Objektivität, die es m. E. nicht gibt, sondern um Authentizität. Die geht von einem Glied der Traditionskette zum nächsten immer mehr verloren. Und trotzdem haben wir manchmal nicht anderes als aus vierter Hand.

      • Jary sagt:

        Ich weiß schon: ein Freund von mir hat mal überlegt, ob man sich z.B. eine Doktorarbeit über den historischen Jesus nicht theoretisch sowohl in Alter Geschichte als auch in Kirchengeschichte anerkennen lassen könnte.😉

        Was die Authentizität betrifft, stimme ich natürlich voll und ganz zu.

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