Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Zuerst einmal einen (mittlerweile sehr verspäteten) Neujahrsgruß! Über den fünf Referaten, zwei Wochenend-Blockseminaren und vier Klausuren, die ich in den letzten eineinhalb Monaten noch hatte, habe ich meinen Blog ein wenig vernachlässigt. Zumindest habe ich in der Zeit ein Buch gelesen, das uns ein Lehrer vor Jahren empfohlen hatte: „Die Vermessung der Welt“ von Daniel Kehlmann. Wenn er es nicht empfohlen hätte, hätte ich es wahrscheinlich nie gelesen, weil Einträge auf Bestsellerlisten für mich normalerweise eher eine Empfehlung zum Nicht-Lesen als zum Lesen sind… Aber wie dem auch sei. Nun habe ich es gelesen und möchte gerne ein paar Bemerkungen dazu machen.

Links die Originalausgabe von "Die Vermessung der Welt" und rechts die Sonderausgabe, die ich besitze.

Der Roman beginnt damit, dass Carl Friedrich Gauß (1777-1855) im September 1828 auf Einladung von Alexander von Humboldt (1769-1859) widerwillig mit seinem Sohn Eugen nach Berlin reist, um dort am Deutschen Naturforscherkongress teilzunehmen, den Humboldt einberufen hat.
Dann werden abwechselnd Episoden aus Gauß‘ und Humboldts Leben erzählt; bei Gauß liegt ein Schwerpunkt auf dessen Tätigkeit als Landvermesser (Geodät), bei Humboldt auf dessen Amerikanischer Forschungsreise (1799-1804) mit dem Naturforscher Aimé Bonpland. Beide leisteten damit ihren Beitrag zur Vermessung der Welt; Gauß durch mathematische Berechnungen, Humboldt durch seine Forschungsexpedition und beide durch Vermessungsarbeit mit den Messinstrumenten ihrer Zeit.
Danach kehrt der Roman wieder in die „Gegenwart“ des Naturforscherkongresses zurück, erzählt episodisch von weiteren Berechnungen Messungen Gauß‘, Humboldts Russlandexpedition (1829), bei der er wegen des Trosses von Begleitern um ihn allerdings kaum mehr zu eigenen Messungen kommt, und endet mit der (nicht ganz freiwilligen) Auswanderung des Eugen Gauß nach Amerika: Eugen war bei einer Studentenversammlung erwischt worden, an der er eher zufällig teilgenommen hatte, und den Karlsbader Beschlüssen zum Opfer gefallen.

Interessant machen das Buch allerdings weniger die erzählten Ereignisse, sondern vielmehr der ironische Schreibstil, der zum Teil gerade durch die indirekte Rede ermöglicht wird, in der das Buch gehalten ist.
„Indirekte Rede“ mag vielleicht erst einmal danach klingen, als sei das Buch kompliziert zu lesen, aber gerade das Gegenteil ist der Fall: Es liest sich sehr leicht und schnell, ist vielleicht manchmal stilistisch zu glatt, aber auf jeden Fall unterhaltsam. Manche Ironie wird auch gerade erst durch die indirekte Rede ermöglicht, wie an einer Stelle, als Humboldt auf dem Rio Negro von den Ruderern seines Bootes gefragt wird, ob er nicht auch mal eine Geschichte erzählen könne:

Geschichten wisse er keine, sagte Humboldt […]. Aber er könne das schönste deutsche Gedicht vortragen, frei ins Spanische übersetzt. Oberhalb aller Bergspitzen sei es still, in den Bäumen kein Wind zu fühlen, auch die Vögel seien ruhig, und bald werde man tot sein.
Alle sahen ihn an.
Fertig, sagte Humboldt.
Ja wie, fragte Bonpland.
(Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Reinbek bei Hamburg 2009 (Sonderausgabe), S.  159 f.)

Das dürfte vielleicht einige Deutschlehrer, die Goethes „Wanderers Nachtlied. Ein Gleiches“ im Unterricht durchnehmen, dazu veranlassen, ein paar Bemerkungen über das Verhältnis von Inhalt und Form bei Gedichten zu machen, wenn sie erklären, warum Kehlmanns Version eine Parodie ist… Oder, um Umberto Eco zu zitieren: „Man denke nur an die Unerträglichkeit jener Gedichtvorträge von Schauspielern, die, um zu ‚interpretieren‘, das Metrum mißachten, mit rezitativen enjambements die Versenden überspringen, als ob sie Prosa vortrügen, und den Inhalt wichtiger nehmen als den Rhythmus. […] Lieber Dante aufsagen, als ob es Kinderreime von annodazumal wären, als auf Biegen und Brechen hinter dem Sinn herlaufen“ (Umberto Eco, Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘, 10. Aufl., München 2007, S. 49 f.).
Wobei ich mich ja selbst als „Banausin“ „outen“ muss, die Balladen in der Regel lieber mag als alles andere Gereimte, d.h. in der Tat den Inhalt über die Form stellt… mit einigen Ausnahmen, versteht sich. „Herbst“ von Rainer Maria Rilke, zum Beispiel – da steht für mich der Sprachklang und die Symbolik des Fallens über allem anderen.

Die zentralen Themen des Romans – einmal vom Vermessen (in durchaus doppelter Bedeutung des Wortes) abgesehen -, scheinen mir aber das Altern, der „Fortschritt“ und das „Deutschsein“ (bzw. „Deutscher-Wissenschaftler-Sein“) zu sein.
Vor allem Gauß beklagt sich ständig über seine nachlassende Geisteskraft und darüber, dass die „Denkpausen“, die seine Gegenüber stets zu machen schienen, ihm mit zunehmendem Alter immer kürzer vorkommen, aber auch Humboldts körperliche Konstitution, die ihn „im Dienste der Wissenschaft“ alle möglichen gesundheitlichen Gefahren auf sich nehmen ließ, ist nicht mehr so wie zu Beginn seiner Amerika-Expedition.
Als „dramatische Ironie“ (sofern man diesen Begriff auch auf Prosa anwenden möchte) würde ich die Stellen bezeichnen, an denen Gauß sich denkt, dass er leider in einer Zeit mit unbequemen Postkutschen lebt, in dem gerade einmal das Zeitalter der Ballonfahrt beginnt und noch nicht jeder Mensch in Maschinen (=Flugzeugen) durch die Luft fliegen kann.
Nicht zu vergessen auch die Stellen „dramatischer Ironie“, in denen den Figuren selbst klar zu sein scheint, dass sie „nur“ Romanfiguren sind und nicht die Personen Humboldt und Gauß, die wirklich einmal gelebt haben. So schreibt Gauß gegen Ende des Romans einen Brief an Humboldt auf der Russlandexpedition, in dem der Satz fällt: „Und was jetzt geschieht, ist nur, was einmal geschehen mußte: Unser Erfinder hat genug von uns“ (Kehlmann, Die Vermessung der Welt, S. 368) – ein Eindruck, den man an dieser Stelle in der Tat als Leser hat. (Oder jedenfalls hatte ich ihn.)
Das „Deutschsein“ wird z.B. zum einen in Humboldts Humorlosigkeit, Umtriebigkeit und Radikalität karikiert – so lässt er sich zu Messzwecken in Vulkankrater abseilen und erst wieder herausziehen, nachdem er  grün angelaufen ist, um die These des „Neptunismus“ zu widerlegen, wonach der Erdkern fest und kalt (statt heiß und flüssig) ist -, zum anderen in Gauß‘ Konservativismus, seiner Ruppigkeit und dem Unwillen, seine Heimatstadt Göttingen zu verlassen oder überhaupt nur zu reisen.
Auf historische Genauigkeit kommt es Daniel Kehlmann in seinem postmodernen Roman nicht so sehr an; „Die Vermessung der Welt“ will keine Biographie von Humboldt oder Gauß sein, sondern erzählt episodisch, ironisch und anekdotenhaft aus dem Leben der beiden Personen – meines Erachtens mit dem Ziel, auf einige andere Aspekte hinzuweisen, die ich in den letzten paar Absätzen kurz skizziert habe.

3 Antworten zu Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

  1. theomix sagt:

    Es ist herrlich ironisch. Und nicht historisch exakt. Insgesamt amüsant.
    Schöne ausführliche Buchkritik.

    • Jary sagt:

      Danke!
      Ungefähr das ist ja auch meine Meinung. Ich finde auch, Romane brauchen nicht historisch exakt zu sein. Es sind ja schließlich keine historischen Monographien.

  2. […] ich nicht mal, dass das Buch verfilmt werden soll. Ich sehe das mit eher gemischten Gefühlen, weil Kehlmanns ironischer Schreibstil, der vor allem durch die indirekte Rede transportiert wird, für mi… Ob das in das Medium Film hinübergerettet werden kann? Da bin ich eher […]

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