Gaucks erste Rede als Bundespräsident

23. März 2012

Von http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,823277,00.html:

Freiheit ist eine notwendige Bedingung von Gerechtigkeit. […] Umgekehrt ist das Bemühen um Gerechtigkeit unerlässlich für die Bewahrung der Freiheit.

Wie schön, das aus seinem Mund zu hören!
Und liberal ist… Gauck!

Und speziell zu den rechtsextremen Verächtern unserer Demokratie sagen wir in aller Deutlichkeit: Euer Hass ist unser Ansporn. Wir lassen unser Land nicht im Stich. Wir schenken euch auch nicht unsere Angst. Ihr werdet Vergangenheit sein und unsere Demokratie wird leben.
Die Extremisten anderer politischen Richtungen werden unserer Entschlossenheit in gleicher Weise begegnen. Und auch denjenigen, die unter dem Deckmantel der Religion Fanatismus und Terror ins Land tragen, und die hinter die europäische Aufklärung zurückfallen, werden wir Einhalt gebieten. Ihnen sagen wir: Die Völker ziehen in die Richtung der Freiheit. Ihr werdet ihren Zug vielleicht behindern, aber endgültig aufhalten könnt ihr ihn nicht.

Herr Bundespräsident, Sie sprechen mir aus der Seele!
Nur in einem schöneren, elegant schlichten Stil, der klar und deutlich sagt, was Sie meinen.
So möchte ich auch schreiben – und reden – können.
Ich werde mir Ihren Stil zum Vorbild für meine Seminararbeiten nehmen. (Zumindest für die deutschen. Bei meinen englischsprachig verfassten Essays habe ich zweimal den Kommentar bekommen, sie seien „elegantly written and presentend“. Nur auf Deutsch neige ich leider zum Verschwurbelt-Schreiben mit besonders komplexen Satzkonstruktionen.)

Ach… war da nicht mal was mit „ein Bundespräsident soll Vorbild sein“?
Ist er schon. Nach dieser Rede auf jeden Fall.


Liberal ist…

22. August 2011

Irgendwo auf diesem Blog muss ich schon einmal erwähnt haben, dass mein Selbstbild das einer „liberalen katholischen Christin“ ist. Das Wörtchen „liberal“ ist dabei für mich mehr als nur eine Präzisierung des Wortes „Christin“. Über Glauben schreibe ich wahrscheinlich ein andermal noch einen Beitrag. Jetzt, wo der Liberalismus mal wieder besonders stark in der Kritik ist, ist aber vielleicht der richtige Zeitpunkt, um sich einmal als „liberal“ zu „outen“ – und zu schreiben, was man denn darunter verstanden wissen möchte.

Genug der Vorrede!

Liberal ist jemand, der denkt, dass „Freiheit zur Verantwortung“ keine Floskel ist, die nur im Parteiprogramm einer (mittlerweile wieder sehr) kleinen gelben Partei steht. Liberal ist jemand, für den „Freiheit zur Verantwortung“ eine Überzeugung ist: Im Mittelpunkt des Liberalismus steht der Mensch.

Deshalb ist es für mich eben gerade keine liberale Überzeugung, wenn jemand glaubt, im Sinne des Liberalismus für finanzielle Einschnitte bei allem Möglichen eintreten zu müssen – auch bei den sozialen Sicherungssystemen. Denn es gibt Menschen, deren Fähigkeiten für die Wirtschaft nicht so „verwertbar“ sind wie die anderer Menschen – und Menschen, die vielleicht gar nicht bloß „wirtschaftlich verwertbar“ sein, geschweige denn danach gemessen werden wollen.
Einer davon schreibt hier.

Und überhaupt der Glaube, Bildung und Ausbildung seien etwas, das nur ja möglichst gut wirtschaftlich verwertbar sein muss: der ist auch nicht liberal. Er ist weder ethisch noch moralisch, denn er missachtet die Würde derjenigen, die nun als eben nicht so „verwertbar“ angesehen werden.
„Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest“ – so lautet eine bekannte Formulierung des praktischen Imperativs bzw. der Selbstzweckformel des kategorischen Imperativs in Immanuel Kants „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ (1785).
Der Mensch soll niemals Mittel zum Zweck sein, sondern in seinem eigenen Wert im Mittelpunkt stehen – davon überzeugt zu sein, das wiederum ist liberal. Liberal ist es, für diese Überzeugung einzustehen – auch wenn sie einmal nicht mit nur scheinbar „wirtschaftsliberalen“ „Notwendigkeiten“ konform geht.

Ja, liberal ist für mich jemand, der zu seinen Überzeugungen steht – der für sie einsteht, auch wenn es mal unbequem oder „nicht in Mode“ ist. Aber niemand, der zu jedem Thema seinen Senf dazugeben muss. Sondern jemand, der widerspricht, wenn andere etwas vertreten, das seinen Überzeugungen widerspricht.

Liberal ist jemand, der glaubt, dass ein Bildungs- und Erziehungsziel „kritische Mündigkeit“, wie es in der Bundesrepublik Deutschland vertreten wird, essentiell wichtig ist. Der glaubt, dass es in der Schule nicht nur darauf ankommt, fachliches Wissen zu vermitteln oder Schülern beizubringen, wie sie in der Gesellschaft sozial „überleben“ können.
All dies ist sehr wichtig – völlig ohne Frage. Aber entscheidend ist es, junge Menschen dazu zu bewegen, selbst denken zu lernen: „Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ Das ist nicht nur der „Wahlspruch der Aufklärung“, als den ihn Kant in seinem berühmten Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) darstellt. Das ist es auch, was für mich im Kern jeder schulischen und sonstigen Bildung steht. Das ist der Grund, weshalb ich Lehramt studiere. Das ist mein liberales Pathos. Das ist meine tiefste Überzeugung.
Denn das Entscheidende ist nicht, in einer Gesellschaft bloß „überleben“ zu können. Das Entscheidende ist es, sie gestalten zu können. Die Gesellschaft – und die eigene Zukunft.

Liberal ist es aber nicht, die Augen davor zu verschließen, dass es Menschen gibt, die das eben angesprochene Metareflexionsniveau nicht erreichen können – etwa aufgrund der eigenen genetischen Ausstattung (z.B. Trisomie 21 / „Down-Syndrom“) oder wegen eines Unfalls. Und dass es Menschen gibt, die in ihrer „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ verharren, wie es Kant so klar erkannte, oder in sie zurückgeworfen werden. Nicht bloß aus „Faulheit und Feigheit“, wie der Philosoph schrieb – nein, auch aus Lebensangst, schlechten Erfahrungen, Krankheit (z.B. schwerer Depression, Alzheimer), hohem Alter etc. Oder weil sie einfach niemand angeleitet hat, wie sie den „Ausgang aus ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit“ finden können. Oder weil sie sich dem als Kinder verweigert haben, weil sie damals noch nicht so weit dachten. Oder weil … es gibt so viele mögliche Gründe.
Auch für diese Menschen muss ein liberaler Staat sorgen, wenn er wirklich den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Selbst dann, wenn der Grund tatsächlich „Faulheit“ sein sollte – denn ein Liberaler lässt keinen einzigen Menschen auf der Strecke.
Das als „liberal“ zu bezeichnen, ist eine ziemlich unmodische Sichtweise, nicht wahr? Sie war eigentlich auch nie in Mode. Aber ich schrieb ja schon, dass es hier um Moden nicht geht.

Liberal ist ein Mensch, der das Wort „Toleranz“ nicht wörtlich aus dem Lateinischen übersetzt („erdulden“, „erleiden“, „zulassen“). Liberal ist es, andere nicht für die Art und Weise zu verurteilen, wie sie ihr Privatleben gestalten möchten. Liberal ist jemand, der andere Menschen so akzeptiert, wie sie sind, solange sie damit kein Verbrechen begehen. Denn liberal ist es, andere mit Achtung und Respekt zu behandeln – und es ist tolerant.

Liberal ist jemand, für den Freiheitsrechte keine Verhandlungsmasse sind. Liberale sind Norweger im Geiste. Sie schreien nach Anschlägen und Verbrechen nicht nach noch mehr Überwachung, sondern rufen laut: „Jetzt erst recht! Wir brechen eine Lanze für eine liberale Gesellschaft!“
„Der Freiheit eine Gasse!“, wie in dem Herwegh-Gedicht (1841).
In diesem Sinne können Liberale durchaus radikal sein.

Liberal ist es, für diese Überzeugungen einzutreten, auch wenn – oder gerade wenn – man damit (momentan) keinen Blumentopf gewinnen kann.

Diese Liste könnte ich noch viel weiter führen. Aber irgendwo muss man ja auch einmal einen Punkt machen.
Nur – wie nennen wir das ganze nun? Bürgerrechtsliberal? Sozialliberal? Linksliberal? Oder: falsch verstandener Liberalismus? Aus meiner subjektiven Sicht richtig verstandener Liberalismus?
Ja, und hier kommt nun die Stelle, an der man mal jemandem, der sich als „liberal“ bezeichnet, mit Fug und Recht Beliebigkeit vorwerfen darf: Das ist mir völlig egal! Für mich ist es einfach nur das: liberal. Ohne präzisierende Attribute. Und wenn ihr mir unbedingt ein Etikett aufkleben müsst – sucht euch eins aus!

Doch eines sollte klar sein: Liberalismus bedeutet nicht „Beliebigkeit“, nicht reines „Laisser-faire“. Liberalismus ist wertegebunden. Und Liberalismus kann ganz schön unbequem sein. Für den, der ihm begegnet – und (gerade vor allem) für den, der ihn vertritt.

Ist das, was ich oben ausgeführt habe, utopisch?
Vielleicht.
Ist es idealistisch?
Na, aber so was von!
Ist es meine Überzeugung?
Auf jeden Fall.

In diesem Sinne: Vielen Dank für alle, die bis hier unten durchgehalten haben! 😉


Zum Nachdenken

6. April 2009

Aus gegebenem Anlass – den internationalen Auftritten des neuen US-Präsidenten und dem Stellenwert der Freiheit in seinem Land – gibt es heute nur ein kleines Zitat, über das es sich vielleicht nachzudenken lohnt:

Die äußere Freiheit bleibt immer begrenzt,
aber die innere ist unendlich.
(Hans-Jürgen Baden)

Ist die Freiheit, nach der wir uns sehnen, in Wahrheit die innere?
Und das Bedürfnis nach äußerer Freiheit dann der Wunsch mit Hilfe dieser die innere Freiheit zu erreichen?

Was mich betrifft, so bin ich mir bei der Antwort sicher. Aber ich habe auch schon lange darüber nachgedacht.