Adrian Mayfield

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Floortje Zwigtman (Pseudonym von Andrea Oostdijk)

Adrian MayfieldGenre: Historischer Roman

Bände:
1. Schijnbewegingen (dt. Ich, Adrian Mayfield)
2. Tegenspel (dt. Adrian Mayfield – Versuch einer Liebe)
3. Spiegeljongen (dt. Adrian Mayfield – Auf Leben und Tod)

Klappentext Band 1:

Alles, was ich wollte, war ein großartiges Leben. Ein phantastisches Leben. Ein Märchenleben … War das denn zu viel verlangt?

London 1894. Als Adrian Mayfield seine Anstellung als Lehrjunge verliert, sitzt er erstmal völlig mittellos auf der Straße. Bei einem Kunstmaler findet er Unterschlupf und beginnt, Modell zu sitzen. Zu Adrians Erstaunen bleibt es dabei nicht. Außerdem erhält er Zutritt zu den erlesensten Künstlerkreisen Londons, an deren Spitze Oskar [sic] Wilde im Café Royal thront. Doch so fasziniert Adrian von dieser dekadenten Gesellschaft ist, weder ein Zuhause noch wahre Freunde findet er hier. Aber darf einer wie Adrian überhaupt auf die ganz große Liebe und so etwas wie Glück hoffen?

„Ein Meisterwerk von internationalem Rang“ De Volkskrant
„Ein weiblicher Charles Dickens“ De Standaard der Letteren

Inhalt:

Der 17-jährige Adrian Mayfield verliert seine Anstellung im Herrenmodepalais des Griechen Victor Procopius. Daran ist er zwar selbst nicht ganz unschuldig und die anstrengende Arbeit ist ihm verhasst, doch nun steht er auf der Straße – so kann es auch nicht weitergehen! Und was wird erst seine Mutter sagen, die sich so sehr darum bemüht hat, dass er die Anstellung bei Procopius bekommt?

Adrian weiß sich nicht anders zu helfen, als sich an den fülligen Maler Augustus Trops zu wenden: einen Kunden von Procopius‘ Laden, der ihm angeboten hat, für sich Modell zu sitzen – mit gewissen Hintergedanken.

Bei Trops fällt Adrian eine herumliegende Ausgabe von Oscar Wildes (1854-1900) Drama „Salomé“ in die Hände. Sie enthält Illustrationen von Aubrey Beardsley (1872-1898), der wie Trops selbst zu den Künstlern um Oscar Wilde gehört. Adrian, der bisher herzlich wenig mit höherer Kultur in Berührung gekommen ist, gefallen vor allem Beardsleys ungewöhnliche Illustrationen.

Trops lässt Adrian vorläufig bei sich wohnen und führt ihn ebenso in den homosexuellen Künstlerkreis im Café Royal wie in die Kultur der Décadence ein. Die Welt, die sich so plötzlich vor ihm auftut, erscheint Adrian ungeheuer anziehend und faszinierend; zugleich beginnt er, sich seine eigene Homosexualität einzugestehen. Doch die Männer um Oscar Wilde sind keine wirklichen Freunde – sie sind zu wenig ernsthaft und nur zu bereit, für eine witzige Pointe alles zu geben.

Als Adrian beginnt, dem stillen, ernsthaften Kunstmaler Vincent Farley Modell zu sitzen – ein Job, den Trops ihm vermittelt hat -, kann er sich endlich eine eigene Wohnung leisten. Aber gibt es für einen wie Adrian, den Sohn eines Kneipenbesitzers aus dem armen Londoner Osten, wirklich so etwas wie Glück?

Tatsächlich hält Adrians „Traum“ nicht an: Der Sommer beginnt, und die Mitglieder der höheren Schichten begeben sich auf Reisen oder ziehen sich auf ihre Landsitze zurück. Auch Vincent verreist, und Adrian, dem seine bisherige Einkommensquelle nun abhanden gekommen ist, sinkt zu einer der männlichen Prostituierten Londons herab … und erkennt erst sehr spät, wem seine Liebe wirklich gehört.

Meinung:

Im Juli 2008 ist der erste Band dieser Trilogie auf Deutsch erschienen. In einer Zeitung hatte ich eine außerordentlich positive Rezension von „Ich, Adrian Mayfield“ gelesen und habe es mir dann gekauft, weil ich Oscar Wildes Wortwitz immer faszinierend fand. Ich habe die erste Seite dieses Romans aufgeschlagen – und konnte nicht mehr aufhören zu lesen: Floortje Zwigtman schreibt brilliant und außerordentlich witzig. Selbst bei den tragischen Passagen des Romans konnte ich nicht anders, als zu lachen – Zwigtman steht Wilde da in nichts nach.

Der historische Roman fängt die Atmosphäre Londons um die Jahrhundertwende und des Künstlerkreises um Oscar Wilde herrlich ein und lässt diese Zeit für den Leser wieder lebendig werden. Die Romanfiguren erscheinen einem bald wie alte Freunde – als hätte man sie schon ewig gekannt. Von den Hauptcharakteren sind nur Adrian, Trops und Vincent frei erfunden.

Darüber hinaus regen die Romane sehr dazu an, sich weiter mit der Kunst und Literatur (nicht nur) der Décadence zu beschäftigen: Sei es Wildes „Salomé“ mit den schon erwähnten Illustrationen von Beardsley, Wildes „The Happy Prince and Other Stories“ (davon v.a. „The Nightingale and the Rose“) oder Alfred Lord Tennysons (1809-1892) Gedicht „The Lady of Shalott“ (vertont von Loreena McKennitt auf ihrem Album „The Visit“).
Wer „The Picture of Dorian Gray“ gelesen hat, mag auch einige Parallelen zu Wildes einzigem Roman erkennen.

„Ich, Adrian Mayfield“ befand sich auf der Vorschlagsliste für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die Einordnung der Romane als Jugendbücher und die Empfehlung „ab 15“ ist angesichts der expliziten Darstellung von Sexualität aber vielleicht nicht ganz angemessen. (Auch wenn ich persönlich keine Probleme damit habe, mir meine Bücher in der Abteilung für Jugendliteratur zu holen – vor allem, wenn es sich um so herausragende Werke handelt wie „Ich, Adrian Mayfield“ oder die Otori-Romane von Lian Hearn.)

Mittlerweile ist auch die deutsche Übersetzung des dritten Bandes erschienen und ich habe ihn gelesen. Im Gegensatz zum ersten Band nehmen der Humor allmählich ab und die Spannung zu – und es bleibt spannend bis zur letzten Seite!
Mehr möchte ich gar nicht verraten.

Leseprobe (1. Kapitel, S. 7-8):

O … hell!
Trotz Bettdecke und Kissen, unter denen ich den Kopf versteckt hatte, drang die hohe Stimme von Herrn Procopius zu mir und der Tag begann wie alle anderen: mit dem Gefühl: „O … hell!“.
Ich hasste diesen Moment, den Moment, an dem ich mit Bestimmtheit wusste, dass das hier nicht mein Leben war und dass irgendwo ein Irrtum vorgefallen sein musste. Als wäre es ein purer Zufall, der mich in einem muffigen Dachbodenzimmer oberhalb von Victor Procopius‘ Herrenmodepalais als Ladendiener aufwachen ließ. Ich, ein Ladendiener! Was war geschehen? Vor einem halben Jahr hatte ich, hol’s der Kuckuck, noch so gut wie allein eine Kneipe in Schwung gehalten. Jetzt stand ich jeden Tag von sieben Uhr in der Frühe bis um neun Uhr am Abend da und sagte „Ja, Sir!“ und „Nein, Sir!“ zu einem Griechen mit schadhaften Zähnen.
Um das elende Aufstehen möglichst schnell hinter mich zu bringen, beförderte ich die Bettdecke mit einem Tritt beiseite und stellte meine Füße auf den Teppich aus schmutziger Unterwäsche, Witzblättern und Krümeln, der sich in den vergangenen Monaten rund um mein Bett angesammelt hatte. Ich war schon immer ein Schwein gewesen und jetzt erst recht – seitdem ich mir ein Zimmer mit zwei vergleichbaren Schmutzfinken teilte.
In dem Bett unter dem Dachfenster war Paddy gähnend und sich am Hintern kratzend mit dem Aufwachen beschäftigt. Weil er frühmorgens immer am allerunappetitlichsten war, drehte ich mich rasch zu Marcel um, der schon an der Tür stand und hüpfend versuchte, sich das Nachthemd in die Hose zu stopfen. Er war von uns dreien der einzige Morgenmensch, und ihn anzuschauen hatte die gleiche Wirkung wie ein Guss kalten Wassers ins Gesicht: Man musste einfach aufstehen.
„Morgen auch“, sagte ich.
„Ah, Adrian, bien dormi?“, fragte er, denn er war Franzose und hatte sich nie die Mühe gemacht, ein anständiges Cockney-Englisch zu lernen. Nicht, dass das in diesem Teil von London irgendeine Rolle spielte. In Soho kam fast jeder aus dem Ausland.

Musikalische Anspieltipps:

Loreena McKennitt – The Lady of Shalott
Elvenking – The Cabal
Conception – Angel (Come Walk With Me)

Eine Antwort zu Adrian Mayfield

  1. […] Hier könnt ihr die ganze Rezension lesen. *klick* […]

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