Der Clan der Otori

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Lian Hearn

Der Clan der OtoriGenre: Historische Fantasy

Bände:
1. Das Schwert in der Stille
2. Der Pfad im Schnee
3. Der Glanz des Mondes
4. Der Ruf des Reihers
0. Die Weite des Himmels

Klappentext Band 1:
Bislang hatte Takeo nicht gewusst, was Menschen einander antun können, nichts von den wilden Schlachten der Clans. Doch als seine Familie ermordet wird und er selbst dem Tod nur knapp entkommt, verbindet er sein Schicksal mit dem Clan der Otori. Denn Otori Shigeru selbst war es, der ihm mit dem Schlangenschwert das Leben rettete. Von ihm lernt Takeo die Bräuche der Clans. Neben Schwertkampf und Etikette widmet er sich jedoch noch anderen, dunkleren Künste: seiner Fähigkeit an zwei Orten zugleich zu sein, sich unsichtbar zu machen, seinem außergewöhnlichen Gehör. Ohne diese Fähigkeiten würde er nicht überleben, mit ihnen aber gerät Takeo in eine Welt der Lügen, der Geheimnisse und der Rache. Und seine Liebe zu Kaede, deren Schönheit die Menschen verstummen lässt, zieht ihn noch tiefer hinein in das Ränkespiel der Clans…

„Der Clan der Otori“ handelt von einem fiktiven Inselland, das starke Züge des feudalen Japan trägt. Ich schätze, dass die Geschichte ungefähr um das Jahr 1600 unserer Zeitrechung spielt, vielleicht auch etwas später. Es lassen sich auffällig viele historische Parallelen ziehen, sodass das „Historische“ in meiner Genrezuordnung durchaus verdient, vor „Fantasy“ genannt zu werden.
So lassen sich bei den „Verborgenen“, in deren abgeschottete Gemeinschaft Takeo geboren wurde, Anleihen aus der tatsächlichen Geschichte Japans feststellen: Sie sind Christen, was durch Takeos eigentlichen Namen Tomasu (=Thomas) noch verdeutlicht wird.
Das Christentum wurde Teilen der einfachen japanischen Bevölkerung im 16. Jahrhundert von europäischen Missionaren nähergebracht. Zunächst waren die Daimyo (=Warlords) diesen gegenüber aufgeschlossen, da sie sich Handelsvorteile erhofften. Doch mit der Zeit wuchs das Misstrauen gegenüber den Fremden, und die neue Religion wurde als Gefahr wahrgenommen. Dies führte zu äußerst grausamer Verfolgung der japanischen Christen, die glauben, dass man völlig gewaltlos leben muss – etwas, an dem sich so mancher heutige Christ eine Scheibe abschneiden könnte – und ihren Gegnern somit ausgeliefert sind, wenn sie sich nicht verstecken.
In „Der Clan der Otori“ wird das Problem, das ich im vorherigen Satz angeschnitten habe, des Öfteren thematisiert.

Durch die ungewöhnlichen Fähigkeiten Takeos, die dieser durch seinen Lehrer Kenji Muto und andere Angehörige des geheimnisvollen „Stammes“ perfektioniert, erhält die fremde Welt fantastische Elemente. Da der „Stamm“ mit seinen Aufgaben und Strukturen an die Ninja erinnert, fügen sich diese Elemente aber elegant in die Gesamtgeschichte ein.

Takeos Zerrissenheit zwischen seiner Kindheit als „Verborgener“, dem Leben der Samurai und den Pflichten des „Stammes“ durchzieht die Romane.

Deren vierter Band wird nur in Deutschland dem „Clan der Otori“ zugerechnet.
Für eine solche Einordnung spricht, dass die Geschichte Takeos und Kaedes in „Der Pfad des Reihers“ weitererzählt wird, dagegen, dass Takeo im Gegensatz zu den vorherigen Romanen nicht in einigen Kapiteln zum Ich-Erzähler wird. Zudem spielt dieser letzte Band einige Jahre nach der „Otori-Trilogie“.

Mit „Die Weite des Himmels“ ist seit Anfang 2009 auch ein fünfter Teil um den Clan der Otori erschienen, der Lord Otori Shigerus Geschichte und damit die Vorgeschichte von Takeos Erlebnissen erzählt. Ich habe mich über das Erscheinen dieses Romans besonders gefreut, weil Shigeru mein Lieblingscharakter ist.

Als Manko der Romane wird oft angeführt, dass man sich auch dann, wenn Takeos Perspektive ergriffen wird, nicht vollständig in die Hauptfigur hineindenken kann.
Ich persönlich denke, dass Lian Hearn absichtlich darauf verzichtet hat, allzu tief in die Gefühlswelt ihres Protagonisten einzudringen. Wenn man das Ende des dritten Bandes gelesen hat, weiß man außerdem, dass die Ich-Perspektive daher kommt, dass Takeo seine Erlebnisse hinterher aufgeschrieben hat. Ich glaube kaum, dass jemand wie er, der ein „Tagebuch“ schreibt, von dem er will, dass es später mal jemand liest, wirklich jede einzelne seiner Empfindungen aufs Papier bannen würde.
Natürlich wäre es trotzdem schön gewesen, noch mehr zu erfahren.

Es wird manchmal auch die Meinung vertreten, es seien zu wenige Beschreibungen in den Büchern. Das habe ich nicht so empfunden. Weniger kann eben manchmal mehr sein – was darüber hinaus mit der japanischen Zen-Philosophie in Einklang steht.

Die Einordnung als Jugendbuch, die vermutlich wegen des Alters der Hauptpersonen vorgenommen wurde, halte ich nur teilweise für gerechtfertigt. Wenn ich eine Empfehlung abgeben müsste, würde ich das Buch Lesern ab 15 Jahren aufwärts anraten. Im Grunde ist es aber ein Erwachsenenbuch, allein schon wegen der ungeschminkten Gewaltdarstellung.

Demjenigen, der über gute Englischkenntnisse verfügt oder sein Englisch verbessern/auffrischen möchte, kann ich nur die Originalversion empfehlen. Beim Übersetzen geht doch (zwangsläufig) die eine oder andere Nuance verloren. Was nicht bedeutet, dass die deutsche Version nicht auch äußerst empfehlenswert wäre.

Insgesamt kann ich „Der Clan der Otori“ allen, die an historischen Romanen, Fantasy und/oder Japan interessiert sind, nur wärmstens empfehlen. Die Bücher eignen sich aber auch für jeden, der einfach nur etwas Gutes lesen möchte.

Die Otori-Pentalogie zählt eindeutig zu meinen Lieblingsbüchern.

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